Reformation und Politik

Heike Hilgendiek
Landessozialpfarrerin

Reformation und Politik - das Verhältnis lässt sich theologisch beschreiben:

Martin Luther spricht von den zwei Reichen, die säuberlich zu unterscheiden sind. Reich Gottes und Reich der Welt haben zwar miteinander zu tun, aber das eine soll möglichst nicht in die Befugnisse und Zuständigkeiten des anderen hineinregieren. Ein anderer Reformator, Johannes Calvin, spricht von der Königsherrschaft Christi, die auch für die Welt gilt und von der her auch das weltliche Handeln gedacht sein soll und muss.

Beide "Lehren", beide Ansätze gehen davon aus, dass Gott der Herr der Welt ist und bleibt. Beide gehen davon aus, dass die "Herren der Welt" auch Verantwortung vor Gott tragen. Beiden liegt daran, dass jeder Mensch sich im Lebensalltag ausrichtet an Gottes Wort.

Wir überspringen 400 Jahre und blicken auf die Barmer Theologische Erklärung, die von reformierten wie von lutherischen Theologen formuliert wurde. Ihre fünfte These ist überschrieben mit dem Bibelvers "Fürchtet Gott, ehrt den König." (1. Petrus 2, 17).

Denn jeder und jede lebt in beiden Bezügen - quasi in den himmlischen und in den irdischen. "Die Schrift sagt uns, dass der Staat nach göttlicher Anordnung die Aufgabe hat, in der noch nicht erlösten Welt, in der auch die Kirche steht, nach dem Maß menschlicher Einsicht und menschlichen Vermögens unter Androhung und Ausübung von Gewalt für Recht und Frieden zu sorgen." Das sind staatliche Aufgaben: Recht und Frieden gestalten und durchsetzen - für alle. "Die Kirche erkennt in Dank und Ehrfurcht gegen Gott die Wohltat dieser seiner Anordnung an. Sie erinnert an Gottes Reich, an Gottes Gebot und Gerechtigkeit und damit an die Verantwortung der Regierenden und Regierten." Das sind kirchliche Aufgaben: Erinnerung an das Reich Gottes - mitten in der Welt; Erinnerung, manchmal auch Mahnung an Gottes Gebot; Erinnerung daran, dass Gerechtigkeit keine jenseitige Angelegenheit ist, sondern höchst diesseitig! Gewissermaßen zusammengefasst benennt die Barmer Theologische Erklärung den "Auftrag der Kirche, in welchem ihre Freiheit gründet". Er "besteht darin, an Christi statt und also im Dienst seines eigenen Wortes und Werkes durch Predigt und Sakrament die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk."

Zuständigkeiten, Befugnisse und Verantwortlichkeiten von Staat und Kirche sind beschrieben. Keine Trennung also, sondern eine Unterscheidung. Kirche soll und will nicht Politik machen - aber dazu beitragen, dass Politik möglich wird. Der Staat soll keinen Glauben lehren - aber dafür sorgen, dass der Glaube gelebt werden kann.

An manchen Stellen gelingt die Unterscheidung nicht immer sauber. In der Regel bemühen sich aber Vertreterinnen und Vertreter beider Bereiche darum, "bei ihren Leisten" zu bleiben.

In Westfalen beteiligt die evangelische Kirche sich intensiv an gesellschaftlichen Prozessen. Sie tut es in Synodenberatungen und -beschlüssen, in Stellungnahmen; sie bringt ihre Expertise, ihre Fragen und die Erinnerung an Gottes Reich, an Gottes Gebot und Gerechtigkeit in den vielfältigen Diskurs über politische Fragen auch sehr konkret ein. Sie arbeitet etwa zusammen mit den Landesministerien, dem Parlament, mit Gewerkschaften und auch Unternehmensverbänden, mit sozial-, bildungs- oder energiepolitisch engagierten Gruppen. In den Kirchengemeinden ist die Kooperation mit der Kommune und unterschiedlichen Verbänden selbstverständlich. Immer geht es darum, die Bedingungen für eine zukunftsfähige Gesellschaft mit zu gestalten. Ein solches Engagement, so ist wohl auch der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen zu verstehen, kann sich nicht in Einzelaktivitäten erschöpfen - sondern will und muss abgestimmt und grundsätzlich in eine zukunftsfähige Entwicklung münden, bei die Bewahrung der Umwelt, soziale Gerechtigkeit, wirtschaftliche Belange sowie die Ansprüche der nächsten Generationen nicht mehr gegeneinander ausgespielt werden. Auch am Diskurs um diese "Große gesellschaftliche Transformation" beteiligt sich die Evangelische Kirche von Westfalen - in guter Tradition.

So ist sie Mitgründerin der "klima-allianz-deutschland" und des KlimaDiskurses NRW. Sie arbeitet an der Entwicklung und Umsetzung des Klimaschutzplanes mit und engagiert sich für eine umfassende Nachhaltigkeitsstrategie in NRW.

Eine Vielzahl von Aktivitäten in Kirchengemeinden und kirchlichen Einrichtungen strahlt in das gesellschaftliche Umfeld aus: Das Energiemanagementsystem "Der Grüne Hahn" wurde eingeführt. Die Klimaschutzagentur der Evangelischen Kirche von Westfalen berät und begleitet Prozesse zur Optimierung des Gebäudebestandes. In Kirche, Diakonie und Caritas werden mit dem Projekt "Zukunft einkaufen" Kriterien zu einer ökologisch und sozial fairen Beschaffung entwickelt - und umgesetzt. "Kirche findet Stadt" stärkt die Gemeinwesenarbeit in sozial benachteiligten Quartieren. Die Jugend-Klimakampagne "Mission: Klima retten! Powered by heaven" unterstützt Jugendliche bei ihrem Engagement. Materialien für Gemeindearbeit und Gottesdienste stehen bereit. Vor diesem Hintergrund beteiligt sich die EKvW im ökumenischen und weltweiten Kontext intensiv an Debatten um Entwicklung und Klimagerechtigkeit.

Eine der zentralen Tagungen der EKvW zum Themenjahr Reformation und Politik wird vom 21. bis 22. März in Haus Villigst in Schwerte stattfinden. "Wege in eine ökologische und soziale gerechte Zukunft. Nachhaltige Entwicklung in NRW und der Beitrag der Kirchen" - unter dieser Überschrift diskutieren Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft über Chancen und Hindernisse für eine nachhaltige Entwicklung. Welchen Beitrag leisten sie bzw. müssen sie leisten - und welche Rolle haben Zivilgesellschaft und Kirchen?

Präses Annette Kurschus spricht über evangelische Verantwortung in der Gesellschaft, Ministerpräsidentin Hannelore Kraft beschreibt das Verhältnis zwischen Kirche und Politik in Zeiten des Wandels, Dr. Klaus Töpfer diskutiert mit Jugendlichen... Unterschiedliche Experten und Expertinnen und selbstverständlich alle Teilnehmenden setzen Impulse und sind im Gespräch. In fünf "Arenen des Wandels" geht es um konkrete Perspektiven in verschiedenen Handlungsfeldern: "Gemeinwesen stärken. Nachhaltiges Quartiersmanagement", "NRW in internationaler Verantwortung - durch eine gerechte Rohrstoffpolitik", "Gute Arbeit und Wirtschaftlicher Wandel", "Konsum und Lebensstil", "Soziale gerechte Energiewende". Es wird deutlich, dass nachhaltige Entwicklung in NRW nur als Gemeinschaftsaufgabe, an der alle mitarbeiten, gelingen kann.

Jugendliche treffen sich zuvor zu einer Konferenz vom 31. Januar bis 2. Februar in Haus Berchum in Hagen. Für sie ist der Zustand der Welt im Jahr 2050 von ganz persönlicher Bedeutung! Sie entwickeln und beschreiben ihre Perspektiven zur nachhaltigen Entwicklung - im Gespräch und in Workshops. Es geht um Up-Cylcling, um Solarenergie ... und auch um "faires Feiern". Die Ergebnisse ihrer Konferenz bringen die Jugendlichen in den Kongress im März ein - in der ihnen eigenen Weise: mit kreativen Produkten und vor allem mit Wünschen und Hoffnungen für die Zukunft, die wir heute schon gestalten.

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