04.11.2014

" ... dem Frieden der Welt zu dienen ..."


Fünf Fragen an Uwe Trittmann

Jörg Schütz (JS): Herr Trittmann, Sie sind Studienleiter an der Evangelischen Akademie Villigst und Mitglied der Steuerungsgruppe des Diskursprojektes "...dem Frieden der Welt zu dienen...". Bei diesem Projekt haben die Akademien in vielen öffentlichen und nicht-öffentlichen Veranstaltungen Entscheider und Experten aus Politik, Kirche, Wissenschaft und Zivilgesellschaft miteinander ins Gespräch gebracht. Was waren Auslöser und Ziel für dieses Projekt?

Uwe Trittmann (UT): In unterschiedlichen Akademieveranstaltungen der vergangenen Jahre wurde immer wieder deutlich, dass die friedens- und sicherheitspolitischen Diskurse in Deutschland weitgehend isoliert gelaufen sind. Man könnte auch sagen, es waren "Elitendiskurse". Die breite Öffentlichkeit war - bis auf wenige Ausnahmen und immer nur für kurze Zeit (Afghanistan, Libyen) - nicht involviert. Auch die Leitmedien haben mit ihrer Berichterstattung diese Prozesse verstärkt. Gleichzeitig wurde von Experten immer wieder das Defizit einer fehlenden deutschen außen- und sicherheitspolitischen Gesamtstrategie angemahnt, die sich die Definition der Rolle Deutschlands in der Welt und eine Klärung der Interessen und der zugrundeliegenden Normen und Werte zum Ziel setzt. Wir waren mit einigen Kollegen in den Akademien der Überzeugung, auf diese Defizite und Herausforderungen systematischer reagieren zu müssen. So wurde das Netzwerkprojekt mit mehreren Akademien entwickelt und mit einer großen Auftaktveranstaltung und einem sich anschließenden Expertenworkshop im Herbst 2012 gestartet.

JS: Sie sind ja bereits seit langer Zeit mit dem Thema Friedens- und Sicherheitspolitik vertraut. Gab es bei der Durchführung dieses Projektes Entwicklungen oder Erkenntnisse, die Sie erstaunt haben?

UT: Es hat uns immer wieder überrascht, dass viele wichtige Akteure in diesem Bereich sich zum Teil nicht einmal kannten. Und wenn, dann nur, weil sie sich vereinzelt z.B. in Akademieveranstaltungen begegnet sind. Vor allem mit den nicht-öffentlichen Veranstaltungsformaten ist es gelungen, eine Vertrauens- und Gesprächsbasis aufzubauen, die in diesem Themenfeld wichtig ist und an die zukünftig angeknüpft werden kann. Hervorzuheben sind hier die Begegnungen zwischen kirchlichen Spitzenvertretern und Parlamentariern sowie Experten aus unterschiedlichen Bereichen. Positiv auf den friedensethischen Diskurs hat sich auch das regelmäßige Zusammentreffen von pazifistisch orientierten Positionen und z.B. Soldaten ausgewirkt. Das gegenseitige Verständnis von sog. "Friedensrhetorikern" auf der einen und "Sicherheitsrhetorikern" auf der andren Seite konnte deutlich befördert werden.

JS
: Das klingt sehr interessant. Können Sie einige zentrale Ergebnisse des Projektes benennen?

UT
: Ja, gerne. Ich will nur drei nennen: Zum einen ist da die Erkenntnis, dass das Verhältnis von ziviler und militärischer Konfliktbearbeitung nicht geklärt, geschweige denn in einer Strategie aufeinander bezogen wäre. In der Regel bleibt der Blick in der Krisenreaktion verengt auf die "ultima ratio" des Einsatzes von Militär. Damit geht einher, dass auch die Interessen, Normen und Werte deutscher Außenpolitik nicht definiert und damit als Leitprinzipien für Entscheidungsprozesse auch nicht verfügbar sind. Was den friedensethischen Diskurs angeht, so hat sich gezeigt, dass die Diskussion um die Kriterien der "rechtserhaltenden Gewalt" und ihre Beziehung zum internationalen Recht auf der einen und zur Tradition des Gerechten Krieges auf der anderen Seite noch nicht abgeschlossen ist. Die Zunahme an nicht-internationalen bewaffneten Konflikten oder auch die Debatte um die Autonomisierung von Waffensystemen, wie zum Beispiel Drohnen, bedarf in friedens- und rechtsethischer Hinsicht der weiteren Klärung.


JS: Nochmal konkret zum Projekt. Die Ergebnisse der ersten Staffel der Veranstaltungen werden in der Abschlussveranstaltung am 4. Mai in Berlin präsentiert. Danach soll das Projekt weiterlaufen. Was hat sich bewährt, was wird verändert?

UT: Bewährt hat sich vor allem die Mischung der unterschiedlichen Veranstaltungsformate. Neben den großen, öffentlichen Diskurstagungen haben wir von Anfang an geschlossene Formate hinzugenommen. In Workshops mit Experten aus den relevanten Bereichen konnten so die anstehenden Fragen vertiefend bearbeitet werden. In einem Folgeprojekt müssen noch intensiver als bisher die internationalen Diskurse - vor allem in transatlantischer Perspektive - Berücksichtigung finden. Thematisch planen wir, den Bereich "Religion und Konflikt" zusätzlich in den Fokus zu rücken.

JS: Eine der letzten Veranstaltungen des Netzwerkprojektes wird in Ihrer Akademie in Villigst vom 12.-14. Dezember stattfinden, die sogenannte "Afghanistan-Konferenz". Sie führen diese Konferenz seit fast 30 Jahren durch. Wie hat sich Konzept und Setting der Veranstaltung im Laufe der Jahre verändert?

UT: Die erste Afghanistan-Konferenz fand 1984 statt. In den Jahren danach traf man sich vor allem, um die Geschichte des Landes, die Ursachen der damaligen Okkupation des Landes durch die Sowjetunion und die sich daraus ergebenden Konsequenzen zu diskutieren. Auch die kulturelle Identität war für viele in Deutschland lebende Exilafghanen eine wichtige Motivation für die Teilnahme. Spätestens seit 2001 und der Beteiligung Deutschlands an der militärischen Intervention stehen die friedens- und sicherheitspolitischen Themen deutlich im Vordergrund. So auch wieder in diesem Jahr, das nach dem Ende der Präsidentschaftswahlen und dem anstehenden Abzug der ISAF-Truppen zu einem entscheidenden Wendepunkt für die zukünftige Entwicklung in Afghanistan werden kann. Für den friedensethischen und sicherheitspolitischen Diskurs bleibt Afghanistan exemplarisch und wird uns noch lange als zentrales Thema beschäftigen.

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" ... dem Frieden der Welt zu dienen ..." ist ein Netzwerkprojekt der Evangelischen Akademien in Deutschland (EAD). Unterstützt von und in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Militärseelsorge