03.07.2015

“Eine Welt ohne Hunger ist keine Utopie“


Mit einem Maßnahmenpaket, das ein Umsteuern in mehreren Politikbereichen ebenso umfasst wie nachhaltigere Produktions- und Konsummuster, kann der Hunger in der Welt bis 2030 fast vollständig besiegt werden. Zu diesem Ergebnis kommt eine von der Kammer der Evangelischen Kirche in Deutschland für nachhaltige Entwicklung veröffentlichte Studie, an der Dr. Gudrun Kordecki, Leiterin des Fachbereichs Nachhaltige Entwicklung im Institut für Kirche und Gesellschaft, mitgewirkt hat. 

"Als Christinnen und Christen dürfen wir uns nicht mit dem Skandal abfinden, dass nach den neuesten Zahlen der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) noch immer mindestens 805 Millionen Menschen bedrohlich chronisch unterernährt sind", schreibt der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Landesbischof Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm, im Vorwort der Studie und weist darauf hin, dass nach Meinung vieler Experten das Ausmaß des Hungers in der Welt noch weitaus größer sei. Zähle man auch diejenigen dazu, die zwar einigermaßen satt würden, aber sich armutsbedingt nicht ausreichend mit Mikronährstoffen wie Vitaminen und Mineralien versorgen könnten, dann habe man es mit mehr als zwei Milliarden Unter- und Mangelernährten zu tun.

In der Studie wird davor gewarnt, die Lösung des Hungerproblems auf die Steigerung der Agrarproduktion mit Hilfe neuer Technologien und den Methoden der industriellen Landwirtschaft zu verengen. Zwar müssten für eine wachsende Weltbevölkerung auch mehr Nahrungsmittel produziert werden, dies müsse jedoch auf eine Art und Weise geschehen, die die natürlichen Ressourcen (Böden, Wasser, Klima, biologische Vielfalt) schone und sich vor allem an den Bedürfnissen derjenigen orientiere, die zurzeit am stärksten von Hunger und Mangelernährung betroffen seien. Dazu zählten vor allem die Kleinbäuerinnen und -bauern, Landarbeiter, Hirten und Fischer in den Entwicklungsländern, die mehr Unterstützung bräuchten, um sich selbst sowie lokale und regionale Märkte besser versorgen und beliefern zu können.

Unverzichtbar für einen ganzheitlichen Ansatz zur Überwindung von Hunger und Mangelernährung sei zudem der Auf- und Ausbau von sozialen Sicherungssystemen in den Entwicklungs- und Schwellenländern, die so konzipiert sein müssten, dass sie auch die Ärmsten der Armen in abgelegenen Regionen und in den Elendsvierteln erreichen. Eine notwendige und überfällige Neuausrichtung der Entwicklungs- und Agrarpolitik am Recht auf Nahrung dürfe nicht länger durch ungerechte Strukturen im Bereich der Handels- und Finanzpolitik blockiert werden. Wenn es nicht gelänge, die Erderwärmung auf maximal zwei Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen, würde sich das Hungerproblem aufgrund des massiven Verlustes von Anbauflächen und der Verschlechterung der ökologischen Bedingungen, von denen vor allem die Entwicklungsländer betroffen sind, erheblich verschärfen.

In der Studie wird dargelegt, welche Veränderungen in den unterschiedlichen Politikfeldern wie der Handels-, Entwicklungs-, Umwelt- und Agrarpolitik in Nord und Süd nötig sind, um durch ihr Zusammenwirken die Welternährung zu sichern. In der neuen Sonderinitiative "Eine Welt ohne Hunger" des deutschen Entwicklungsministeriums sieht die Studie Ansätze zu einer Kurskorrektur in die richtige Richtung, fordert jedoch eine noch stärkere Fokussierung auf die verletzlichsten Bevölkerungsgruppen und eine stärkere Berücksichtigung agrarökologischer Aspekte. In der Agrarpolitik seien hingegen sowohl in Deutschland als auch international die Empfehlungen des 2008 erschienenen Weltagrarreports des IAASTD (International Assessment of Agricultural Kowledge, Science and Technology for Development) kaum gehört oder umgesetzt worden, beklagt die Studie.

"Business as usual" mit der Fokussierung auf Produktionssteigerung, Weltmarktorientierung und Industrialisierung der Landwirtschaft gingen an der globalen Herausforderung vorbei, die Überwindung des Hungers mit dem Schutz des Klimas und der biologischen Vielfalt in Einklang zu bringen. Das in der Agrarpolitik und Forschung zurzeit populäre Konzept der "nachhaltigen Intensivierung", das auf Produktionssteigerung setzt und zugleich durch Effizienzverbesserung den Einsatz von synthetischen Dünge- und Schädlingsbekämpfungsmitteln begrenzen will, wird in der Studie hinterfragt. Die Empfehlungen des Weltagrarreports des IAASTD seien weitergehend, umfassender und würden ökologische und soziale Aspekte stärker berücksichtigen.

Mit der Studie wendet sich die EKD-Kammer für nachhaltige Entwicklung nicht nur an Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft sondern appelliert auch an die Kirchen, Gemeinden sowie an jeden einzelnen, Beiträge zur Überwindung des Hungers zu leisten. Die konkreten Handlungsempfehlungen reichen dabei von Umweltauflagen für die Verpachtung von Kirchenland über die konsequentere Beachtung von ökologischen, sozialen und menschenrechtlichen Standards im kirchlichen Beschaffungswesen bis zu einem verantwortungsbewussteren Umgang mit Lebensmitteln im Alltag. Darüber hinaus entfaltet die Studie theologische Leitgedanken und sozialethische Kriterien, an denen sich verantwortungsvolles kirchliches Handeln wie auch politische Weichenstellungen für eine zukunftsfähige Ernährungssicherung orientieren können.

"Ein 'Weiter so' in der globalen Landwirtschaft ist keine Option, wenn wir den Hunger bekämpfen und auch besiegen wollen", unterstrich Dr. Gudrun Kordecki, Leiterin des Fachbereichs Nachhaltige Entwicklung im Institut für Kirche und Gesellschaft der Evangelischen Kirche von Westfalen. Kordecki sieht durch den starken Einfluss von Düngemittel und Pestiziden vor allem die biologische Vielfalt in Gefahr. Dies habe enorme Auswirkungen auf die Umwelt und den Menschen. Sie spricht sich für eine nachhaltige Landwirtschaft aus, die ein ausgewogenes Verhältnis von Ertrag und Ressourcenschonung einhält. Zudem prangert Kordecki die intensive Tierhaltung und den damit verbundenen hohen Verbrauch an pflanzlichen Futtermitteln an. "Würden alle geernteten pflanzlichen Lebensmittel direkt der menschlichen Ernährung zugeführt werden, so reichte die heutige Welternte mehr als aus, um alle Menschen zu ernähren".

Der EKD-Text 121 "Unser tägliches Brot gib uns heute. Neue Weichenstellung für Agrarentwicklung und Welternährung" kann zum Preis von 4,60 Euro über den Versand der EKD unter versand(at)ekd.de bezogen werden. Unter der Internet-Adresse www.ekd.de/ekdtext_121.html steht der Text zum Herunterladen bereit.