12.03.2016

Flüchtlinge vor Ort - Herausforderungen für Kommunen und Verbände


Prof. Dr. Tobias Trappe, Foto: IKG

Einen "Open Space", also einen offenen Raum der Begegnung und des Austausches bot in einer Fachtagung das Institut für Kirche und Gesellschaft am 9. März in Haus Villigst Praktikerinnen und Praktikern in der Arbeit mit Geflüchteten im kommunalen Raum. Die ca. 40 Teilnehmenden, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Städten, Gemeinden, Verbänden und Kommunen, fanden schnell eine gemeinsame Gesprächsgrundlage, so dass das Thema bunt und facettenreich angefüllt wurde. "Die Dialoggestalter" der Firma IKU aus Dortmund moderierten den Austausch gekonnt und engagiert.

Prof. Dr. Tobias Trappe, er lehrt Ethik an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung NRW, fragte in seinem bewegenden und aufrüttelnden Vortrag, was es mit uns als Menschen und mit den Institutionen macht, die "im Angesicht globalen Leidens arbeiten".
Um die Situation der Flüchtlinge und die der aufnehmenden Gesellschaft angemessen erfassen zu können, sei es wichtig, die eigene Ratlosigkeit einzugestehen und gleichzeitig die Gefahren "einseitiger Diskussionen" und "einfacher Lösungen" wahrzunehmen.
Nach den Ereignissen der Silvesternacht hätte sich die Diskussion stark in Richtung Sicherheit - und zwar der "eigenen" Sicherheit verlagert. "Zuwanderung und Flucht werden inzwischen primär ... unter dem Blickwinkel der Bedrohung wahrgenommen". Manchen genügt dabei nicht eine "Abwehr von Flüchtlingen", sondern sie rechtfertigen ihre Angriffe auf Flüchtlinge als "Notwehr gegen Flüchtlinge".
Trappe betonte, dass die Arbeit "angesichts globalen Leids ... schlicht und ergreifend wirklich schwer ist". Mitarbeitende sind extremen Belastungen ausgesetzt und müssen oft unter "chaotischen Bedingungen" arbeiten. Sie sehen sich extremen Gefühlslagen gegenüber.
Es sei deutlich, dass "Flüchtlinge vor Ort" nicht nur eine organisatorische, administrative oder politische Herausforderung seien. Sie fordern unser "Weltvertrauen" heraus: "Denn in den Flüchtlingen stehen wir alle plötzlich vor dem Antlitz einer Welt, das entstellt ist von Kriegen und Katastrophen, von Armut und Ausbeutung, von Habsucht, Hass, Kampf, Chaos, Krankheit; wir alle stehen plötzlich vor einer irrationalen Welt des blindwütigen Zufalls und des sinnlosen Schicksals. In den Flüchtlingen, in ihren Geschichten und Gesichtern stehen wir alle plötzlich vor der dunklen Wirklichkeit einer zutiefst unheimlichen Welt."
Umso wichtiger ist es, den Wert und die Würde des Asyls auch für uns selbst zu erfassen: "Das Schützen und Beschützen eines Menschen hat auch für die 'Aufnahmegesellschaft' einen Wert in sich." Es kann unserer Gesellschaft ein mehr an Geschwisterlichkeit bescheren, wenn wir uns in der Sehnsucht nach Gerechtigkeit mit den Flüchtlingen verbinden, ihre Not und unsere Ängste uns gegenseitig mitteilen.

In den Arbeitsgruppen kristallisierten sich als ein zentrales Thema in der Arbeit mit Flüchtlingen viele Fragen rund um das "Ehrenamt" heraus. "Braucht das Ehrenamt `Führung`"? "Wie sieht Wertschätzung und Unterstützung für ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus?" "Gestaltung der Zusammenarbeit der Haupt- und Ehrenamtlichen?", waren einige Fragestellungen, die entweder kontrovers oder mit großer Übereinstimmung diskutiert wurden.

Im Verlauf der Veranstaltung wurde deutlich, dass es vielfach genau an dem fehlt, was die Tagung anbot: Möglichkeiten der Vernetzung, des Austausches, der gegenseitigen kollegialen Beratung und Stärkung der Praktikerinnen und Praktiker über die Grenzen von Kommunen und Institutionen hinweg.

Teilnehmende und Einlader stimmen daher darüber ein, dass die Fachtagung eine gelungene Veranstaltung war, die fortgesetzt werden soll.

Pfr. Edgar Born / Pfr. Helge Hohmann