08.03.2012

Innehalten am Internationalen Frauentag


Yvonne Prancl - Fotolia

Gedankenverloren flaniert sie durch die Stadt. In den Händen vom Kaufrausch gefüllte Taschen. Sie sucht gerade nach einem Café zum Verweilen, als eine Stimme sie unterbricht. Ein freundlicher Mann schaut sie an und fragt lächelnd: „Hallo, darf ich Ihnen eine Freude machen?“  Sie lächelt verwundert zurück und fragt sich, zu welcher Partei er gehört. „Ja, heute ist doch der 8.März!“, fährt er fort und schaut sie erwartungsvoll an. „Ja, der 8.3.!“, denkt sie und geht blitzschnell ihren Terminkalender durch. Hat sie einen Geburtstag vergessen? Ist schon wieder eine Wahl? Er hilft ihr auf die Sprünge, hält ihr eine rote Rose hin und holt tief Luft: „Herzlichen Glückwunsch zum internationalen Frauentag!“Sie nimmt sie die Rose und zieht schnellen Fußes weiter. „Wie peinlich ist das denn?“, murmelt sie vor sich hin, als sie ihre Wohnungstür aufschließt. „Da muss mir ausgerechnet ein Mann erklären, dass heute Internationaler Frauentag ist…“.Sie macht sich einen Latte Macchiato, schaltet ihren Laptop an und gibt in die Suchmaschine „Internationaler Frauentag“ ein.Auf der Website des Deutschen Gewerkschaftsbundes liest sie: „Der Internationale Frauentag hat eine lange Tradition. Er geht auf die Arbeiterinnenbewegung von Mitte des 19. bis zum 20. Jahrhundert zurück. Erste entscheidende Momente waren Demonstrationen und Streiks von Textilarbeiterinnen in den USA seit 1858.“ Sie erfährt, dass der erste Internationale Frauentag 1911 in Dänemark, Deutschland, Österreich, der Schweiz und den USA stattgefunden hat. Damals sind mehr als eine Million Frauen auf die Straße gegangen. Sie kämpften u.a. für das Frauenwahlrecht, das sie in Deutschland auch 1918  erhielten. In einem Artikel der Frankfurter Rundschau fordert die Feministin Alice Schwarzer die Abschaffung des Internationalen Frauentags: „Schaffen wir ihn also endlich ab, diesen gönnerhaften 8. März, und machen wir aus dem einen Frauentag im Jahr 365 Tage für Menschen, Frauen wie Männer.“„Das kann es ja auch nicht sein.“, denkt sie, nimmt einen Schluck Kaffee und lässt den Blick über ihren Schreibtisch streifen. Bei dem blauen, kleinen Bilderrahmen bleibt sie hängen. Das Foto darin zeigt sie und ihre Freundinnen bei ihrem letzten Mädelsabend. Alle um die 30. Manche verheiratet, andere Single oder lesbisch lebend - eine bunte Mischung. „Warum ist der 8.März eigentlich für uns nie ein Thema?“, fragt sie sich und wundert sich, wie sie 31 Jahre lang den 8.März an sich vorbeiziehen lassen konnte, ohne ihn jemals zu feiern. Das „Warum?“ fängt an sie zu ärgern. Ein Zitat von Simone de Beauvoir bringt es auf den Punkt: „Frauen, die nichts fordern, werden beim Wort genommen. Sie bekommen nichts.“Sie liest den Satz mehrmals. Erst leise, dann laut. Und lauter. Und dann steht es für sie fest: der 8.März 2012 wird anders! Sie tippt „Internationaler Frauentag 2012“ in ihren Computer, trifft auf die Seite des Deutschen Frauenrats, und ist überrascht, welche vielfältigen Angebote sich ihr in ganz Deutschland, aber auch in Westfalen offenbaren: In Dortmund wird der internationale Frauentag im Rathaus groß gefeiert- mit 14 Forumsveranstaltungen zu aktuellen frauenpolitischen Themen und Kabarettprogramm zum Abschluss. In Bielefeld wird über „Prekäre Beschäftigungsverhältnisse, Teilzeitarbeit und Minijobs als eine Falle für Frauen“ diskutiert. Und in Unna wird am Sonntag,11.3.2012 um 11.00 Uhr in der Ev. Stadtkirche mit einem Gottesdienst an den Internationalen Frauentag erinnert.Anscheinend haben andere Frauen ihr feministisches „Coming out“ schon früher gehabt, denkt sie und beschließt ihren Freundinnen eine mail zu schreiben. Sie packt ihre recherchierten Gedanken hinein und endet provozierend: Meine Lieben, die Zeit des Anti-Feministinnentums ist vorbei! Wie wäre es mit einem spontanen Ausflug nach Bielefeld im Gedenken daran, dass es noch viel zu tun gibt?! Vielleicht wird etwas aus ihrer Idee, aber vielleicht kommt auch alles anders, und sie flaniert doch wieder mit vollen Tüten durch die Innenstadt. Vielleicht wird sie ein freundlicher Mann ansprechen und fragen: „Hallo, kann ich Ihnen einen Freude machen?“  Dann wird sie lächeln, entschieden die Rose an sich nehmen, und weiterziehen. Denn ab sofort weiß sie, was sie noch fordern und verändern will. Für sich und viele andere Frauen. Herzlichen Glückwunsch!