30.09.2011

Interreligiöser Kalender „Miteinander“ erhält Preis


Der christlich-islamische Dialog in Westfalen

Als am 30. Oktober 1961 das Anwerbeabkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Türkei unterzeichnet wurde, da ahnte niemand, welche Auswirkungen dies für die Entwicklung der Bundesrepublik haben würde. Heute, 50 Jahre später, sind aus den Gastarbeitern in vielen Fällen Bürgerinnen und Bürger geworden. Immerhin knapp die Hälfte der etwas mehr als eine Million in NRW lebenden Menschen mit türkischer Herkunft besitzt die deutsche Staatsbürgerschaft.
Die Zuwanderung von Menschen aus der Türkei wirkte sich zugleich auf die religiöse Zusammensetzung der Bevölkerung aus. Statistische Erhebungen zeigen, dass in NRW etwa 1,4 Millionen Musliminnen und Muslime leben. Das sind immerhin acht Prozent der Bevölkerung.
Die Begegnung der Religionen ist also durchaus nichts Außergewöhnliches. In den Schulen sitzen Kevin und Ali, Ayshe und Lena in der gleichen Klasse, und fast schon symbolisch befindet sich in Dortmunds Nordstadt die deutsche Spanferkelbraterei neben der türkischen Bäckerei. Jedoch bleiben die Begegnungen oft zufällig und oberflächlich. Dass aber aus dem Nebeneinander ein Miteinander wird, von dem beide Seiten profitieren, das ist das Ziel der Dialogarbeit in der Evangelischen Kirche von Westfalen.
Dabei geschieht der christlich-islamische Dialog auf unterschiedlichsten Ebenen. In vielen Gemeinden ist es ein guter Brauch, in regelmäßigem Turnus muslimische und christliche Gläubige zusammenzubringen. Muslimische Gemeinden laden zum Fastenbrechen ein, und Schuleingangsfeiern werden multi-religiös durchgeführt. Auf der Ebene der Kirchenkreise arbeiten die rund 50 synodalen Islam-Beauftragten. Sie informieren, organisieren Dialoginitiativen und beraten, wo es in der Begegnung der verschiedenen Religionen oder Bevölkerungsgruppen zu Konflikten gekommen ist.
Auf der Ebene der Landeskirche wird der Dialog maßgeblich von Kirchenrat Gerhard Duncker als Beauftragtem für den interreligiösen Dialog und von mir als dem Referenten für Fragen des christlich-islamischen Dialogs gestaltet. Wir beraten Gemeinden und Einzelpersonen in Fragen des christlich-muslimischen Dialogs, halten aber auch Kontakt zu muslimischen Verbänden und Institutionen.
In dem Reigen der evangelischen Akteure im christlich-islamischen Dialog darf das Institut für Kirche und Gesellschaft nicht fehlen. Seit Jahrzehnten bietet die Evangelische Akademie Tagungen zu Themen des Dialogs an. Als Beispiele seien die christlich-islamische Pfingstkonferenz und die im November 2011 stattfindende Tagung zu den christlichen Minderheitskirchen und dem Dialog mit dem Islam genannt. Im Kompetenzteam Interkulturalität und Migration (KIM) werden ebenfalls die Beziehungen zwischen muslimischer und nicht-muslimischer Bevölkerung thematisiert. Die Bedeutung der Dialog-Arbeit des Instituts für Kirche und Gesellschaft wird auch von muslimischer Seite anerkannt: Der vom Institut herausgegebene interreligiöse Kalender „Miteinander“ (erschienen beim Luther-Verlag in Bielefeld) erhält am 23. Oktober den vom “Zentralinstitut Islam-Archiv-Deutschland - Amina Abdullah Stiftung“ vergebenen Muhammad-Nafi-Tschelebi-Friedenspreis.

Pfarrer Ralf Lange-Sonntag