20.05.2020

Newsletter Mai 2020


Foto: Mister-Pi, Pixabay.com

"Abstand halten", "besser von manchem Abstand nehmen", "auf Distanz gehen" … 

… das waren die traurig stimmenden Leitbegriffe der letzten Zeit. Fast neun Wochen Corona-Eindämmung liegen hinter uns. Distanz und Abstand mischten sich prägend in unser „Zusammen“-Leben Die Krise trifft uns fundamental, weil sie in fast jedem eine tiefe Angst auslöst, „das zu verlieren, was uns als Menschen ausmacht, die Gabe, anderen nahe zu sein in der Not“, wie Carolin Emcke in der Süddeutschen nachdenklich anmerkt.
Zunehmende Sorge bereitet mir, mit welcher Aggressivität und Präsenz Rechtspopulisten, Rechtsextreme, Verschwörungs“theoretiker“ und Esoteriker in den öffentlichen Raum drängen. Hier werden Ängste instrumentalisiert, zur Systemfrage aufgeladen und gegen "die da oben" kanalisiert, gegen eine vermeintliche "Diktatur", gegen "die Medien", gegen "Bill Gates", gegen irgendein "Komplott“. Es ist zu befürchten, dass die Auseinandersetzungen mit Blick auf die anstehenden Kommunalwahlen noch an Schwung gewinnen. Als Institut werden wir diese Entwicklungen kritisch begleiten.
In diesen Wochen sind wir im IKG intensiv damit beschäftigt, Gesundheits-Risiken zu mindern, Bildungsformate und Projekte an „Coronabedingungen“ anzupassen sowie neue Projekte und Themenfelder zu erschließen. Die Organisation der Homeoffices für die ReferentInnen und Teile unserer Verwaltung war sehr erfolgreich. Unsere ambitionierte AG „Digitalisierung“ erschließt für uns Konferenzsysteme und weitere digitale Vernetzungstechniken. Erfahrungen mit Webinaren werden gesammelt. Wir beginnen auch darüber nachzudenken, wie eine teilweise Rückkehr in die Büros organisiert, wie das Gremien- und Arbeitsgruppenwesen sowie kleinere Tagungsformate wieder analog gestaltet werden können. Zu spüren ist eine wachsende Vorfreude auf den unmittelbaren persönlichen Austausch – und somit auch auf mehr Nähe.
Dennoch richten wir uns darauf ein, dass die Post-Coronazeit noch lange nicht erreicht ist und „Abstand halten“ bei unseren „lebensnahen“ Themen leider noch lange die Regel sein wird. Unsere Heimatbasis Haus Villigst wird noch bis zum Ende der Sommerferien geschlossen bleiben.

Zeit des "Hochfahrens"
So gewaltig der Lockdown war, so bedeutsam werden nun die Weichenstellungen des Hochfahrens sein, das heißt die sozialen und ökonomischen Regulierungen, die Konjunktur- und Investitionsprogramme. Um sie wird gerade politisch mit aller Härte gerungen. Nicht wenige Stimmen sind zu hören, die darauf setzen, zunächst die Corona-Krise „zu lösen“, um danach alle weiteren Krisen anzugehen, wie etwa den Klimawandel und die weltweite Zerstörung der Lebensgrundlagen, die wachsende Spaltung zwischen Arm und Reich, Flucht und Vertreibung. Ich bin der Überzeugung, dass dies kein guter Weg wäre. Es braucht jetzt Strategien, das eine mit dem anderen zu verknüpfen.
Das nun anstehende „Hochfahren“ nach der Krise darf nicht zu einem „Weiter so“ und damit zu einem Kurs in die nächste Krise werden. Klug ausgerichtete Maßnahmen sind Gestaltungschancen für eine menschengerechte, nachhaltige Zukunft, wie wir sie vielleicht nie zuvor hatten. Die riesigen Investitionssummen, die jetzt bereitgestellt werden, werden auf absehbare Zeit  kein zweites Mal zur Verfügung stehen. Die dadurch ausgelösten Investitionen und Regulierungen werden Deutschland bis weit in die 2030er Jahr prägen: sein Gesundheits-, Pflege-  und Sozialwesen, den Wohnungsbau, die Mobilität, die Energieerzeugung, die Landnutzung und Artenvielfalt, das Bildungswesen und den Arbeitsmarkt.
Es gilt, die Risiken zukünftiger Pandemien durch gezielte Investitionen in das Gesundheits- und Pflegsystem zu minimieren und die Ökonomisierung dieser Bereiche zurückzudrängen. Corona zeigt die tiefe soziale Spaltung auch in Deutschland. Eine zukunftsfähige Sozial- und Arbeitsmarktpolitik muss hier klare soziale Impulse setzen, beispielsweise das Bildungssystem gerechter gestalten, Altersarmut verhindern, die heute gerade die Menschen in den systemrelevanten Berufe (Gesundheit, Pflege, Handel) trifft.
Konjunkturprogramme müssen sich am Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung orientieren, sodass die Ziele des Pariser Klimaabkommens erreicht werden, der Kohleausstieg schneller vorankommt und die Mobilitätswende bis 2030 gelingt. Die Subventionierung von Umweltzerstörung muss aufgegeben werden. Staatshilfen für Unternehmen sollten an überprüfbare Bedingungen geknüpft werden, zum Beispiel an klare Unternehmensstrategien mit dem Ziel Klimaneutralität und der Verpflichtung zu  ökologischen, menschrechtsbasierten  Lieferketten. All dies ist nur ein kleiner Ausschnitt aus den aktuell diskutierten Maßnahmenbündeln.
„Jetzt ist die Zeit für eine zukunftsfähige Politik der Resilienz - für die Transformation unseres Wirtschafts- und Sozialsystems.“, schreibt Gerhard Schick, ehemaliger finanzpolitscher Sprecher der Grünen im Bundestag, Vorstand der Bürgerbewegung Finanzwende und Unterstützer des Projekts "Transformative Responses to the Crisis". Ihm ist zuzustimmen.

Als IKG werden wir uns intensiv an den Debatten um die zukunftsfähige Entwicklung „post-corona“ beteiligen. Ein Auftakt dazu ist dieser Schwerpunkt-Newsletter mit vielen Fachbeiträgen unserer ReferentInnen und Kooperationspartner.

Ich wünsche Ihnen eine interessante Lektüre.

Bleiben Sie gesund und behütet!
Ihr
Klaus Breyer
Leiter des Instituts für Kirche und Gesellschaft

Newsletter Mai 2020