20.11.2019

Von neuen Männern und alten Rollenbildern


(c)Sabine Damaschke

Martin Treichel, Landesmännerpfarrer der EKvW (li); Jürgen Haas, Referent der Männerarbeit, beide Mitarbeiter im IKG.

Es ist still geworden um den "neuen Mann", der kocht und putzt und seine Kinder wickelt. All das scheint selbstverständlicher zu sein. Gleichzeitig feiert der erfolgreiche und starke Mann ein Comeback. Wie erleben sich Männer heute? Martin Treichel und Jürgen Haas sind in der Männerarbeit der westfälischen Kirche tätig und arbeiten eng mit der Familienbildung und den Kitas in der Diakonie RWL zusammen. Ein Gespräch zum Internationalen Männertag.

Der Internationale Frauentag am 8. März ist bei uns fest etabliert. Der Internationale Männertag dagegen ist wenig bekannt, thematisiert aber auch die Gleichberechtigung der Geschlechter. Wie sieht es damit bei den Männern aus?
Jürgen Haas: Gegenüber den Frauen haben sie einen zeitlichen Nachteil. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle, den Erwartungen der Gesellschaft und eigenen Wünschen hat bei den Männern in Deutschland später begonnen. Dennoch haben auch sie sich - wie die Frauen - von traditionellen Rollenklischees emanzipiert. Aber ihr Selbstbild und ihre Attraktivität als Mann hängen immer noch entscheidend von beruflichem Erfolg ab.

Im Grunde hat sich an der klassischen Familienaufteilung also wenig geändert? Frauen machen den Großteil der Haus-, Familien- und Pflegearbeit und stellen dafür berufliche Ambitionen zurück. Männer machen Karriere und sind die Familienernährer.
Martin Treichel: Es gibt leider immer noch, wie der Soziologe Ulrich Beck es formuliert hat,  "eine verbale Aufgeschlossenheit bei gleichzeitiger Verhaltensstarre". Dennoch haben viele Männer heute ein anderes Partnerschaftsverständnis als ihre Väter und Großväter. Ihnen ist der Beruf wichtig und sie sehen sich als Familienernährer, wollen aber auch für ihre Kinder da sein und ihre Partnerin im Haushalt entlasten. Viele leiden darunter, dass sich in unserer Arbeitswelt beides schlecht vereinbaren lässt.

Wollen Männer heute überhaupt noch über Geschlechtergerechtigkeit reden?
Jürgen Haas: Gerade bei der jungen Generation erlebe ich eine starke Ambivalenz. Einerseits sehen sie Gleichberechtigung als etwas Selbstverständliches, über das sie nicht mehr reden müssen, weil es schon gelebt wird. Junge Männer kochen genauso den Kaffee und schmieren die Brötchen wie junge Frauen. Es wird gleichberechtigt diskutiert und mit Geld umgegangen. Andererseits beobachte ich einen "Backlash" an alten Rollenklischees, die ich längst überwunden glaubte. Junge Männer präsentieren sich in den sozialen Medien, aber auch in Schule und Peergroup als harte, draufgängerische Kerle und junge Frauen als schöne Prinzessinnen, die erobert werden wollen.

Nicht nur unter Jugendlichen sind die "starken Männer" wieder modern. Rechtspopulisten wie die AfD wettern gegen den "Genderwahnsinn" und beschönigen die traditionelle Familie. Wie wirkt sich das auf die kirchliche Männerarbeit aus?
Martin Treichel: Das Genderthema ist meiner Ansicht nach ein Einfallstor für den Rechtspopulismus in die Kirche. Bei der Flüchtlingsfrage sind sich viele Christen einig, dass es einen biblischen Auftrag gibt, diesen Menschen zu helfen. Wenn es aber um die Gleichberechtigung der Geschlechter, um gleichgeschlechtliche Ehen oder gar das sogenannte "dritte Geschlecht" geht, hören Toleranz und Respekt bei vielen auf. Es gibt Skepsis gegenüber anderen Familienformen als der traditionellen Ehe. In der kirchlichen Männerarbeit stehen wir für Vielfalt und Freiheit. Wir wollen ja gerade die alten, traditionellen Rollenzuschreibungen aufbrechen. Dafür müssen wir uns in bestimmten christlichen Kreisen zunehmend rechtfertigen.

Hat sich die Männerarbeit in Kirche und Diakonie verändert?
Jürgen Haas: Männer erreichen wir heute nicht mehr mit Diskussionsrunden über Rollenbilder und Geschlechterfragen. Sie wollen etwas tun und daraus ergeben sich dann Diskussionen über ihr Selbstverständnis als Mann und Vater, ihre Herausforderungen und Wünsche. Deshalb veranstalten wir Vater-Kind-Wochenenden oder Vater-Kind-Aktionen in evangelischen Kitas. Wir gehen gemeinsam wandern, bieten Survivaltrainings oder auch besondere Männerseminare wie "Ein Mann, ein Grab" an, in denen wir Bestatter und Steinmetze besuchen, um über das Thema Tod ins Gespräch zu kommen. Wir sind froh, dass wir in der westfälischen Kirche noch eine starke Männerarbeit haben. Das ist keineswegs selbstverständlich.

Zwar verdienen Männer mehr als Frauen und haben mehr Macht in Wirtschaft und Politik. Aber sie sind oft einsamer, sterben sechs Jahre früher als Frauen und begehen deutlich öfter Suizid. Sind Männer im Grunde das unglücklichere Geschlecht?
Martin Treichel: Ich erlebe sie nicht als unglücklich. Doch sie tun sich häufig schwerer mit sozialen Kontakten und haben seltener intensive Freundschaften als Frauen. Viele kümmern sich zu wenig um ihre Gesundheit und fühlen sich beruflich und familiär oft unter Druck. Über all das zu reden, fällt vielen schwer. Deshalb ist das Angebot der Männerarbeit so wichtig. Hier erleben sie Austausch und Offenheit, können alte Rollenmuster hinterfragen und sich weiterentwickeln zu dem Mann, der sie sein möchten.

Das Gespräch führte Sabine Damaschke.
(Homepage Diakonie RWL)