27.05.2016

Welche Hilfe beim Sterben wollen wir? Ethische Fragen am Lebensende


Edvard Munch Das kranke Kind, Foto Wolfgang Beer

Die Diskussion im Vorfeld des neuen Gesetzes zur Sterbehilfe ließ bei allen, die sich um die demokratische Diskurskultur in unserem Land sorgen, die Herzen höher schlagen. Der parlamentarische Fraktionszwang für dieses Gesetzesvorhaben war aufgehoben und Politikerinnen und Politiker quer durch alle Parteien rangen miteinander um die Sache. Und es gab einen gesamtgesellschaftlichen Meinungsbildungsprozess, wie er nur selten bei Gesetzesvorhaben zu beobachten ist.

Auch die Ev. Akademie Villigst hat sich mit einer Reihe von Veranstaltungen an diesem Diskurs beteiligt. Auffällig dabei war, dass der gesellschaftliche Diskurs über den Rahmen der Gesetzesinitiativen hinausging. Wurde im Parlament v.a. die Frage nach organisierter und kommerzialisierter Sterbehilfe thematisiert, so prägten den gesellschaftlichen Diskurs darüber hinaus das Ringen um unseren momentanen gesellschaftliches Umgang mit und dem Verständnis von Sterben und Tod. Nach unserem evangelischen Grundverständnis ist der Mensch von Gott zur Freiheit bestimmt. Mit unserem Verständnis von der Würde des menschlichen Lebens lassen sich keine zwingende Normen für den Einzelnen ableiten. So stehen das würdevolle Sterben, seine kulturellen, sozialen und spirituellen Implikationen, und v.a. die Frage nach der Autonomie des Menschen im Mittelpunkt der Diskurse. Wie weit gehen das Selbstbestimmungsrecht und die Selbstbestimmungspflichten der Einzelnen? Gibt es ein Recht auf Unwissenheit, auf nicht-selbst -Entscheiden? Und auf der anderen Seite: wie weit hat ein Mensch eigentlich das Recht, über sich selbst zu entscheiden, wo stößt er mit seinem Autonomiestreben an die Grenzen anderer Menschen, wo an gesellschaftliche Grenzen? Sind etwa die Niederlande mit ihrer Möglichkeit der Tötung auf Verlangen der Wegweiser für eine liberale Gesellschaft, die sich an dem Autonomiestreben der Einzelnen orientiert. Oder ist in unserem Nachbarland die Barriere des Tötungsverbotes überschritten, die eine Gesellschaft nicht zugunsten von Individualrechten aufgeben darf? Noch weiter gedacht: gibt es überhaupt so etwas wie eine wahrhaft autonome Entscheidung eines Einzelnen, oder sind Menschen nicht per se so in ihre sozialen Prozesse und Gruppen eingebunden, dass gar nicht klar zu trennen ist zwischen Autonomie und Beeinflussung? Diese und ähnliche Fragen sind mit dem Sterbehilfegesetz vom Herbst 2015 nicht abschließend beantwortet worden. Sie werden den gesellschaftlichen Diskurs auch weiterhin prägen und zu neuen Gesetzesinitiativen führen. Denn nach dem Gesetz ist vor dem Gesetz. Daher wollen wir als Ev. Akademie Villigst den Diskurs an dieser Stelle auch nicht für beendet erklären, sondern ganz bewusst weiter führen: die gesellschaftlichen Fragen nach Sterben und Tod bleiben aktuell. Der vorliegende Band aus Tagungen, die 2013 und 2015 in Villigst stattfanden, ist daher nur als ein Zwischenfazit zu verstehen: weitere Veranstaltungen werden folgen, in denen ein offener Diskurs um den guten Tod und das würdevolle Sterben in unserer Gesellschaft geführt wird (aus dem Vorwort).

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Kirsten Simon
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