19.07.2018

Welches Wachstum braucht die Welt?


Klaus Breyer im Gespräch mit Teilnehmer*innen

Fragen der Wachstumskritik werden spätestens seit den 1970er Jahren öffentlich diskutiert. Trotzdem hat sich das wirtschaftliche Wachstumsparadigma bis heute weiter durchgesetzt. Grenzen werden meist überschritten und längst sind die Folgen einer stetig wachsenden Wirtschaft für viele Menschen teilweise bitter spürbar.
Während der Tagung "Welches Wachstum braucht die Welt? - Die Wachstumslogik der Agenda 2030 auf dem Prüfstand" in Haus Villigst suchten Teilnehmende und Referent*innen nach neuen Ideen für eine Wirtschaft im Dienst des Lebens. Ziel war es, neue Impulse zu setzen und wachstumskritische Fragen in Verbindung mit den globalen Entwicklungszielen (Sustainable Development Goals, SDGs) der Vereinten Nationen zu diskutieren.
Eingeladen dazu hatten das Institut für Kirche und Gesellschaft (IKG) sowie das Amt für Mission, Ökumene und kirchliche Weltverantwortung (MÖWe) der westfälischen Landeskirche.
Einleitende Vorträge hielten Dr. Christian Geßner (Zentrum für nachhaltige Unternehmensführung), Jürgen Maier (Forum Umwelt und Entwicklung) und Christian Uhle, Philosoph und ehemaliger Mitarbeiter am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung. Statt auf Probleme der Vergangenheit zu blicken, skizzierten sie mit Optimismus den Weg in eine andere Zukunft mit Veränderungen auf verschiedenen Ebenen. Anregungen dazu lieferten auch Menschen, die mit ihrer Arbeit bereits heute einen Beitrag dazu leisten, Wirtschaft abseits des Paradigmas "Wachstum um jeden Preis" zu denken und zu gestalten. Vertreter*innen der Gemeinwohlökonomie, des Vereins Handwerk mit Verantwortung, des Kollektivs FairBindung, des Projekts NAGER IT und des etwas anderen Lebensmittelladens The Good Food präsentierten Ideen, die jeweils auf ganz eigene Art einen Beitrag zur Umsetzung der globalen Nachhaltigkeitsziele vor Ort leisten.
So produziert Susanne Jordan von NAGER IT beispielsweise die ersten fairen Computermäuse. Bei The Good Food verkaufen Nicole Klaski und ihre Kolleg*innen Lebensmittel, die sie in Kooperation mit Produzent*innen vor dem Müll gerettet haben. Unterstützt und weitergeführt wurden die Anregungen in Workshops, in denen Rahmenbedingungen für eine Wirtschaft im Dienst des Lebens entlang der Bereiche "Wirtschaftswissenschaften", "Arbeitsmarktpolitik", "kulturelle Veränderungen" und "realpolitische Umsetzung" erarbeitet wurden. Beim Abschlusspodium versuchten Achim Vanselow (DGB-NRW), Ruth Gütter, (Evangelische Kirche in Deutschland, EKD), Alexander Felsch (Unternehmer NRW) und der NRW-Landtagsabgeordnete Henning Rehbaum (CDU) die während der Tagung diskutierten Fragen in ihr Arbeitsumfeld zu übertragen. "There are no jobs on a dead planet" (Es gibt keine Arbeit auf einem toten Planeten) - so veranschaulichte Vanselow die gewerkschaftliche Sicht auf das Thema der Tagung und sprach sich für ein selektives Wachstum aus. Es wurde deutlich, dass sich die Wachstumsfrage nicht für alle Gebiete der Erde gleich beantworten lässt. Als Referentin für Nachhaltigkeit bei der EKD plädierte Gütter dafür, Wirtschaftswachstum anders zu bemessen und beispielsweise Haus- und Pflegearbeit einzubeziehen. Außerdem betonte sie, dass sozial-ökologisches Wachstum in unterschiedlichen Ländern verschiedenes bedeutet: im Süden Wirtschaftswachstum, im Norden eine Begrenzung des Wachstums und eine Ethik des Genug.
Diese Herausforderungen und die Auseinandersetzung mit diesen Fragestellungen will die Evangelische Kirche von Westfalen weiter begleiten. Die Diskussionen auf der Tagung zeigten, dass trotz der langen Tradition wachstumskritischer Bewegungen das Thema heute aktueller ist denn je.

Ansprechpartner*innen:
Klaus Breyer und Lisa-Marie Staljan, Institut für Kirche und Gesellschaft der Evangelischen Kirche von Westfalen (EKvW)
Annette Muhr-Nelson und Thomas Krieger, Amt für Mission, Ökumene und kirchliche Weltverantwortung der EKvW