Newsletter Mai 2020

Inhaltsverzeichnis

Editorial

"Abstand halten", "besser von manchem Abstand nehmen", "auf Distanz gehen" …


… das waren die traurig stimmenden Leitbegriffe der letzten Zeit. Fast neun Wochen Corona-Eindämmung liegen hinter uns. Distanz und Abstand mischten sich prägend in unser „Zusammen“-Leben Die Krise trifft uns fundamental, weil sie in fast jedem eine tiefe Angst auslöst, „das zu verlieren, was uns als Menschen ausmacht, die Gabe, anderen nahe zu sein in der Not“, wie Carolin Emcke in der Süddeutschen nachdenklich anmerkt.
Zunehmende Sorge bereitet mir, mit welcher Aggressivität und Präsenz Rechtspopulisten, Rechtsextreme, Verschwörungs“theoretiker“ und Esoteriker in den öffentlichen Raum drängen. Hier werden Ängste instrumentalisiert, zur Systemfrage aufgeladen und gegen "die da oben" kanalisiert, gegen eine vermeintliche "Diktatur", gegen "die Medien", gegen "Bill Gates", gegen irgendein "Komplott“. Es ist zu befürchten, dass die Auseinandersetzungen mit Blick auf die anstehenden Kommunalwahlen noch an Schwung gewinnen. Als Institut werden wir diese Entwicklungen kritisch begleiten.
In diesen Wochen sind wir im IKG intensiv damit beschäftigt, Gesundheits-Risiken zu mindern, Bildungsformate und Projekte an „Coronabedingungen“ anzupassen sowie neue Projekte und Themenfelder zu erschließen. Die Organisation der Homeoffices für die ReferentInnen und Teile unserer Verwaltung war sehr erfolgreich. Unsere ambitionierte AG „Digitalisierung“ erschließt für uns Konferenzsysteme und weitere digitale Vernetzungstechniken. Erfahrungen mit Webinaren werden gesammelt. Wir beginnen auch darüber nachzudenken, wie eine teilweise Rückkehr in die Büros organisiert, wie das Gremien- und Arbeitsgruppenwesen sowie kleinere Tagungsformate wieder analog gestaltet werden können. Zu spüren ist eine wachsende Vorfreude auf den unmittelbaren persönlichen Austausch – und somit auch auf mehr Nähe.
Dennoch richten wir uns darauf ein, dass die Post-Coronazeit noch lange nicht erreicht ist und „Abstand halten“ bei unseren „lebensnahen“ Themen leider noch lange die Regel sein wird. Unsere Heimatbasis Haus Villigst wird noch bis zum Ende der Sommerferien geschlossen bleiben.

Zeit des "Hochfahrens"
So gewaltig der Lockdown war, so bedeutsam werden nun die Weichenstellungen des Hochfahrens sein, das heißt die sozialen und ökonomischen Regulierungen, die Konjunktur- und Investitionsprogramme. Um sie wird gerade politisch mit aller Härte gerungen. Nicht wenige Stimmen sind zu hören, die darauf setzen, zunächst die Corona-Krise „zu lösen“, um danach alle weiteren Krisen anzugehen, wie etwa den Klimawandel und die weltweite Zerstörung der Lebensgrundlagen, die wachsende Spaltung zwischen Arm und Reich, Flucht und Vertreibung. Ich bin der Überzeugung, dass dies kein guter Weg wäre. Es braucht jetzt Strategien, das eine mit dem anderen zu verknüpfen.
Das nun anstehende „Hochfahren“ nach der Krise darf nicht zu einem „Weiter so“ und damit zu einem Kurs in die nächste Krise werden. Klug ausgerichtete Maßnahmen sind Gestaltungschancen für eine menschengerechte, nachhaltige Zukunft, wie wir sie vielleicht nie zuvor hatten. Die riesigen Investitionssummen, die jetzt bereitgestellt werden, werden auf absehbare Zeit  kein zweites Mal zur Verfügung stehen. Die dadurch ausgelösten Investitionen und Regulierungen werden Deutschland bis weit in die 2030er Jahr prägen: sein Gesundheits-, Pflege-  und Sozialwesen, den Wohnungsbau, die Mobilität, die Energieerzeugung, die Landnutzung und Artenvielfalt, das Bildungswesen und den Arbeitsmarkt.
Es gilt, die Risiken zukünftiger Pandemien durch gezielte Investitionen in das Gesundheits- und Pflegsystem zu minimieren und die Ökonomisierung dieser Bereiche zurückzudrängen. Corona zeigt die tiefe soziale Spaltung auch in Deutschland. Eine zukunftsfähige Sozial- und Arbeitsmarktpolitik muss hier klare soziale Impulse setzen, beispielsweise das Bildungssystem gerechter gestalten, Altersarmut verhindern, die heute gerade die Menschen in den systemrelevanten Berufe (Gesundheit, Pflege, Handel) trifft.
Konjunkturprogramme müssen sich am Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung orientieren, sodass die Ziele des Pariser Klimaabkommens erreicht werden, der Kohleausstieg schneller vorankommt und die Mobilitätswende bis 2030 gelingt. Die Subventionierung von Umweltzerstörung muss aufgegeben werden. Staatshilfen für Unternehmen sollten an überprüfbare Bedingungen geknüpft werden, zum Beispiel an klare Unternehmensstrategien mit dem Ziel Klimaneutralität und der Verpflichtung zu  ökologischen, menschrechtsbasierten  Lieferketten. All dies ist nur ein kleiner Ausschnitt aus den aktuell diskutierten Maßnahmenbündeln.
„Jetzt ist die Zeit für eine zukunftsfähige Politik der Resilienz - für die Transformation unseres Wirtschafts- und Sozialsystems.“, schreibt Gerhard Schick, ehemaliger finanzpolitscher Sprecher der Grünen im Bundestag, Vorstand der Bürgerbewegung Finanzwende und Unterstützer des Projekts "Transformative Responses to the Crisis". Ihm ist zuzustimmen.

Als IKG werden wir uns intensiv an den Debatten um die zukunftsfähige Entwicklung „post-corona“ beteiligen. Ein Auftakt dazu ist dieser Schwerpunkt-Newsletter mit vielen Fachbeiträgen unserer ReferentInnen und Kooperationspartner.

Ich wünsche Ihnen eine interessante Lektüre.

Bleiben Sie gesund und behütet!
Ihr
Klaus Breyer
Leiter des Instituts für Kirche und Gesellschaft

Gastbeiträge

Corona, der Leib und das Ende der Werke Gottes


"Leiblichkeit ist das Ende der Werke Gottes", so der Theologe Friedrich Christian Oetinger vor rund 250 Jahren. Doch scheint mir sein Satz auf mehrfache Weise treffend für eine Situation, in der auf bis vor kurzem noch unvorstellbare Weise der menschliche Körper zum Problem geworden ist.
Seit sich vor rund zweieinhalb Monaten die Coronapandemie rasant in Europa und in Deutschland ausbreitete sind halbwegs drollige oder halbwegs unappetitliche Vokabeln wie Nies-Etikette oder Schmierinfektion in den allgemeinen Wortschatz übergegangen. Mühsam haben wir uns den Handschlag oder die Umarmung bei Begrüßung und Verabschiedung abtrainiert. mehr lesen ...

Leben in Coronazeiten


Arbeiten als Pfarrer in einer Kirchengemeinde
„Social distancing“ – das Gebot dieser Wochen. Die Notwendigkeit ist längst eingesehen, doch die Umsetzung ist gar nicht so einfach … in meinem Beruf als Pfarrer.
Besteht nicht der ganz erhebliche Teil meiner Arbeitsvollzüge in einem zwischenmenschlichen Kontakt, der eben auch jene Vertrauensgesten sichtbar zum Ausdruck zu bringen vermag, sodass Menschen spüren (und eben nicht nur kognitiv wahrnehmen): Ja, hier ist ein Mensch, der sich in meiner Situation um mich bemüht und mit seiner Empathie durch Wort und Tat (und eben nicht nur durch das Wort) Nähe und damit die Distanzierung entlastend aufhebt. mehr lesen ...

Menschenwürdiges Leben für alle gewährleisten


Stellungnahme für einen nachhaltigen Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft beim Neustart nach dem Lockdown veröffentlicht

Angesichts der aktuellen Corona-Pandemie haben Prof. Hans Diefenbacher, Umweltbeauftragter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Ruth Gütter, Referentin für Fragen der Nachhaltigkeit im Kirchenamt der EKD, sowie Oliver Foltin und Volker Teichert von der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft e. V. (FEST) eine Stellungnahme verfasst, die sich mit der Frage beschäftigt, wie jetzt der Klimaschutz gestärkt und die umfangreichen staatlichen Hilfen für einen nachhaltigen Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft beim Neustart nach dem Lock down genutzt werden können. mehr lesen ...

75 Jahre nach Kriegsende


8. Mai 2020 - Gedenken zum Kriegsende und zur Befreiung vom Naziterror vor 75 Jahren
Inmitten der COVID-19 Krise erinnern Christinnen und Christen ...
"... dass wir alle eins seien" Johannes 17,21

Vor 75 Jahren endete mit dem Zweiten Weltkrieg auch das menschenverachtende Hass-Regime der Nationalsozialisten, dem Millionen Menschen zum Opfer fielen: jüdische MitbürgerInnen, Homosexuelle, Roma und andere zu Minderheiten gehörende Menschen, die auf Betreiben der Nazis diskriminiert, verachtet, gehasst und in den Tod getrieben. Die Gesellschaft(en) waren zersplittert, viele europäische Völker waren verfeindet, Europa war zerstört. "Nie wieder!" sagten viele nach dem Krieg. mehr lesen ...

Themen

Die Digitalisierung unserer Arbeit


Digitalisierung der Bildungsarbeit am Institut für Kirche und Gesellschaft

Es gibt derzeit wenig Positives, das im Zusammenhang mit der Corona-Krise Erwähnung finden kann. Sie bietet jedoch die Chance, digitale Formate am Institut für Kirche und Gesellschaft (IKG) zu etablieren, die erhöhte Partizipation und Inklusion ermöglichen. mehr lesen ...

Solidarität in Corona-Zeiten – auch für Geflüchtete!?


Ein Update!

In unserem letzten Newsletter veröffentlichten wir einen Aufruf zur Solidarität mit Geflüchteten angesichts der Corona Pandemie.

Das Thema ist nach wie vor aktuell. mehr lesen...

Plötzlich ganz anders


Die Männerarbeit und die Pandemie

Interview mit Martin Treichel

Leiter des Fachbereichs Familie, Männer, Ehrenamt und
Landesmännerpfarrer der EKvW

Gesamter Wortlaut des Interviews

Von Corona lernen


Bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie setzen viele Staaten weltweit auf Verzicht
und Solidarität. Das sollten wir in Zukunft beibehalten, meint Umweltexperte Volker Rotthauwe

Weniger Autos, kaum Flugverkehr, Stillstand in der Industrie:
Der Lockdown hat dem Klima gut getan. Die Haltung des Verzichts und der Solidarität sollten wir beibehalten, meint Volker Rotthauwe, Umweltbeauftragter der Evangelischen Kirche von Westfalen, im Gespräch mit Anke von Legat.

Gesamter Wortlaut des Interviews in UK Nr. 19 vom 3. Mai

Resilienz in Krisenzeiten


Vom Wert sozialer Unterstützung
Resilienz versteht man landläufig als Fähigkeit, trotz Krisen und Stress die psychische und physische Gesundheit erhalten beziehungsweise wiederherstellen zu können. Nach einer Krise geht es gewöhnlich nicht so weiter wie zuvor, es gibt ein Davor und ein Danach. Man, ein*e Einzelne*r, eine Gruppe oder eine Gesellschaft, hat gelernt und sich an die neue Situation, das Danach, angepasst. Oder aber man ist an ihr zugrunde gegangen. Nicht selten haben Menschen durch eine Krise die Bedeutung von Werten und sozialen Beziehungen (wieder) entdeckt. Daraus folgend engagieren sie sich häufig für Mitmenschen oder Mitgeschöpfe. Das ist aus der Traumaforschung bekannt, und viele mögen es in ihrem Leben ebenfalls erfahren haben. Denn jede*r macht im Leben mindestens eine Krise durch, auch wenn das gerne im Glauben an bequeme stabile Verhältnisse und grenzenlos fortschreitendes wirtschaftliches Wachstum verdrängt wird. mehr lesen ...

Wirtschaft und Corona


Am 1. Mai hat der Deutsche Gewerkschaftsbund sein Motto 2020 „Solidarisch ist man nicht allein“ breit entfaltet. Solidarität wurde nicht beschworen, sondern in vielfältiger Weise an zahlreichen Beispielen gezeigt. Solche Beispiele können Schule machen – und es ist sehr deutlich: Nur in solidarischer und nachhaltiger Weise wird möglich sein, noch in der und vor allem nach der Krise zu einem gesunden Miteinander zurückzufinden.
mehr lesen ...

Wann, wenn nicht jetzt!


Über 20 bundesweit tätige Organisationen und Verbände stellen Forderungen an die Bundesregierung und Arbeitgeber, die sich vor allem auf die Situation von Frauen beziehen.Corona hat das Leben in Deutschland und in der Welt grundlegend verändert. Deutlich wird, dass die wirtschaftlichen und sozialen Kosten Frauen wesentlich stärker treffen. Die Pandemie vergrößert alle gleichstellungs- und frauenpolitischen Probleme/Schieflagen, auf die wir bereits seit Jahrzehnten hinweisen. Angesichts der existenziellen Krise wird deutlich, wie lebensbedrohlich sich die über Jahre privatisierte und eingesparte öffentliche soziale Infrastruktur und die falschen Arbeitsbewertungen jetzt auf unseren Lebensalltag auswirken.Wann, wenn nicht jetzt werden unsere frauen- und gleichstellungspolitischen Forderungen anerkannt und umgesetzt? Wir erwarten von Politik, Arbeitgeber*innen und allen Verantwortungsträger*innen ein ebenso mutiges, sachbezogenes und schnelles Handeln wie jetzt in der Zeit von Corona.

Aufruf

Von Gender-Rollback bis Corona-Elterngeld


Geschlechtergerecht durch die Krise

Wissenschaftler*innen warnen bereits jetzt: Die Coronakrise hat unterschiedliche Auswirkungen auf die Geschlechter. Sie befürchten Rückschritte in der Gleichstellung von Männern* und Frauen* in Deutschland. Bereits bestehende gesellschaftliche Ungleichheiten könnten sich weiter verschärfen: zwischen höher und niedriger bezahlten Beschäftigtengruppen, aber auch zwischen den Geschlechtern. 
Die Krise macht einmal mehr deutlich, wie unterschiedlich Männer* und Frauen* beruflich und wirtschaftlich abgesichert sind. Arbeitnehmende mit einem niedrigen Verdienst, in Betrieben ohne Tarifvertrag oder Betriebsrat sowie Frauen seien derzeit überproportional belastet, so das Ergebnis einer aktuellen Studie der Hans-Böckler Stiftung. mehr lesen ...

Bürger halten Klima-Krise langfristig für gravierender als Corona-Krise


Fast drei Fünftel aller Bundesbürger sind sich sicher, dass die langfristigen Auswirkungen der Klima-Krise gravierender sind als die der Corona-Krise. Sie wünschen sich, dass wissenschaftliche Erkenntnisse stärker für politische Entscheidungen herangezogen werden. Sie schätzen einen Staat wert, der mit Krisen fertig wird und haben im Licht von COVID-19 nicht nur gelernt, wie ihnen Freunde, Familie und Mobilität gefehlt haben, sondern auch, was ihnen Natur und regionale Produkte bedeuten. - Das sind einige Ergebnisse einer repräsentativen Befragung der forsa Politik- und Sozialforschung (Berlin) unter 1.029 Bundesbürgern ab 14 Jahren. Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) hatte den DBU-Umweltmonitor Corona-Folgen in Auftrag gegeben, um mit Blick auf ihrer Förderarbeit mehr über die Sichtweisen und Bewertungen der Bundesbürger zu den Folgen der Corona-Krise für die Umwelt zu erfahren. mehr lesen ...

Save the Date

Online-Kollekte für die Männerarbeit


Das gottesdienstliche Leben kommt infolge der Corona-Krise nur langsam wieder in Gang. Zwar finden nun in vielen Gemeinden wieder Gottesdienste statt, aber in deutlich verringerter Zahl von Besucherinnen und Besuchern. Dies hat nicht zuletzt massive Auswirkungen auf die Kollektengelder. Weniger Gottesdienste mit weniger Teilnehmer*innen bedeutet deutlich geringere Spenden - mit z.T. gravierenden, dramatischen Folgen für die kirchlichen Einrichtungen und Arbeitsfelder, für die die Kollektengelder bestimmt sind.
Seit Ostern besteht die Möglichkeit der Onlinekollekte, die die Evangelische Kirche von Westfalen unter www.kollekte-online.de anbietet. Einfach und schnell kann hier über verschiedene sichere Bezahlwege der eigene Kollektenbeitrag gegeben werden.

Am Sonntag, 24. Mai 2020, wird in der Landeskirche für die Männerarbeit gesammelt - wir freuen uns über jede finanzielle Unterstützung. Näheres dazu im Brief von Landesmännerpfarrer Martin Treichel und dem Vorsitzenden der westfälischen Männerarbeit, Dr. Holger Gemba

XXXIV. Villigster Afghanistan-Tagung


Afghanistan: die aktuelle politische Lage, Corona und die diesjährige Tagung

20. - 22. November 2020
Haus Villigst, Schwerte

Afghanistan - zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Neben den extrem schwierigen politischen Entwicklungen - niemand kann aktuell absehen, ob innerafghanische Friedensgespräche in Gang kommen - hat die Corona-Pandemie katastrophale Auswirkungen für die Menschen im Land.

Aktuelle Informationen und das Save the date für die XXXIV. Villigster Afghanistan-Tagung vom 20.-22. November 2020 finden Sie hier.

 
Institut für Kirche und Gesellschaft
der Evangelischen Kirche von Westfalen


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