Ethik am Lebensende

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Sterbehilfe, Organtransplantation, Patientenverfügung – ethische Themen am Lebensende werden momentan gesellschaftlich intensiv diskutiert. Alle am Diskurs Beteiligten eint ein gemeinsames Ziel: Die Würde des Menschen ist bis zum Tod zu achten. Die konkreten Folgerungen daraus für die Grenzsituationen zwischen Sterben und Tod sind jedoch höchst umstritten. – Und das ist auch gut so, denn jede einfache Antwort verkürzt komplexe Zusammenhänge.

Jede und jeder Einzelne ist gefragt, sich mit dem Ende seines eigenen Lebens auseinander zu setzen: Möchte ich Organe spenden oder nicht? Wie stehe ich zur Sterbehilfe? Brauche ich eine Patientenverfügung und was soll darin geregelt sein?

Über das Individuelle hinaus gilt es, am gesellschaftlichen Diskurs teilzunehmen: Wie wollen wir in unserer Gesellschaft Verantwortung, Selbstbestimmung und Würde am Lebensende verstehen?

Unser Angebot: Auf dieser Seite finden Sie Links, Materialien und Veranstaltungsangebote, die Ihnen eine differenzierte Auseinandersetzung mit den Themen ermöglichen. Eine Übersicht bietet:
www.ev-medizinethik.de

Organspende

Der andere Ausweis

Das Thema Organspende wirft viele Fragen auf – und viele davon werden bislang nicht ausreichend beantwortet, finden die Evangelischen Frauen in Deutschland. Deshalb wollen sie genau diese Fragen ansprechen und ergebnisoffen informieren. Nur so, davon sind sie überzeugt, lässt sich Vertrauen in die Transplantationsmedizin, die Schwerstkranken ein Weiterleben ermöglichen kann, zurückgewinnen.

Weitere Informationen zum alternativen Organspende-Ausweis

Ein Statement

„Organspende als Akt der Nächstenliebe empfehlen – dazu kann ich mich nicht durchringen“, sagt Angelika Weigt-Blätgen, Leitende Pfarrerin der Evangelischen Frauenhilfe in Westfalen und stellvertretende Vorsitzende der Evangelischen Frauen in Deutschland (EFiD). Sie wirbt für den alternativen Organspendeausweis der EFiD. Warum?

Nächstenliebe ist mein Job – nicht nur als Theologin, auch als Chefin einer diakonischen Einrichtung, die Altenwohnheime, Behindertenhilfe und psychosoziale Beratungen anbietet. Die Menschen, für die wir arbeiten, sind meine Nächsten. Meine Nächsten sind aber ebenso auch meine Kinder und meine Eltern, meine Freundinnen und Freunde. Ihnen allen gilt meine Liebe und meine Fürsorge. Dass Nächstenliebe dabei immer auch Gefahr läuft, zur Überforderung zu führen, weiß ich aus eigener Erfahrung.

Menschen moralisch unter Druck zu setzen mit dem Argument der Nächstenliebe ist deshalb für mich keine Option. Menschen zu einer Handlung oder einer Entscheidung zu drängen – „Das solltest Du tun, schon aus Nächstenliebe“ – ist für mich nicht akzeptabel. Das gilt für die so genannten kleinen Dinge des Lebens – jemandem bei alltäglichen Erledigungen zu helfen etwa – genauso wie für die ganz großen Fragen. Und dazu gehören die Fragen nach Leben und Sterben.

Deshalb dürfen wir, weder als Kirche noch als Gesellschaft noch als Einzelne, andere nicht unter Druck setzen, indem wir sagen: „Dass solltest Du jetzt aber mal tun, schließlich sind wir doch alle dazu aufgerufen, Nächstenliebe auszuüben.“ Die Bereitschaft, Organe zu spenden, muss eine Entscheidung bleiben, die Menschen treffen können, ohne dass Druck dazu auf sie ausgeübt wird. Denn es gibt genauso gute Gründe, sich dagegen zu entscheiden oder sich nicht zu entscheiden.

Angelika Weigt-Blätgen
Leitende Pfarrerin der Evangelischen Frauenhilfe in Westfalen und stellvertretende Vorsitzende der Evangelischen Frauen in Deutschland

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Organtransplantation

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Der Wunsch schwerkranker Menschen, durch eine Transplantation von Organen wieder Leben und Lebensqualität zu gewinnen, ist verständlich. Doch der Tod gehört zum Leben. Es gibt keine Pflicht für Menschen, ihre Organe zu spenden. Eine solche Gabe beruht auf Freiwilligkeit.

Eine Organtransplantation setzt die Feststellung des Todes des Spenders, also des Hirntodes, voraus. Doch hier gibt es Diskussionen: Ist der Spender wirklich tot? Greift man nicht eher in einen Sterbeprozess ein?

Auf der Tagung der Evangelischen Akademie Villigst im Dezember 2013 "Sterben und Tod im Horizont des medizinisch-technischen Fortschritts"  - beteiligt waren auch Alexandra Manzei und Albert Henz - thematisierten Vertreter der Medizin, Theologie und Philosophie die anthropologischen, geschichtlichen und ethischen Entwicklungen und Bewertungen der modernen Hochleistungsmedizin und ihre Bedeutung für Sterben und Tod heute. Konkret ging es um ethische, medizinische und rechtliche Fragen zu Hirntoddefinition und Organtransplantation.
Der Theologische Vizepräsident der Evangelischen Kirche von Westfalen, Albert Henz, plädierte dafür, Sterben als Teil des Lebens zu begreifen und neue Formen der Sterbebegleitung zu entwickeln. "Wir müssen todkranken Menschen ihre Einsamkeit nehmen - und ihren Begleitern das Gefühl, mit dem Tod eine Niederlage erlitten zu haben", so Henz. Denn für ihn steckt auch hinter dem verstärkten Wunsch nach Organtransplantationen die Hoffnung, den Tod zu besiegen. Aber er warnte auch: "Mit 'Ersatzteilen' kann ein blühendes Geschäft betrieben werden, dem unbedingt zu wehren ist. Nicht jede Transplantation ist eine erfolgversprechende Angelegenheit, oft sind die Risiken enorm." Und die sollten - vor allem durch die Betroffenen - offen und ehrlich bewertet werden können. Als Christ vertraue er darauf, auch im Sterben und im Tod gehalten zu sein. Diese Hoffnung auf das von Gott verheißene ewige Leben trage ihn über den Tod hinaus und helfe ihm, die eigene Sterblichkeit anzunehmen. Dennoch - oder gerade darum - ist er kein Gegner der Organspende: "Für mich persönlich kann ich mir gut vorstellen, im Sterbeprozess zur Rettung oder guten Fortführung eines anderen Lebens ein Organ zu spenden. Gerade weil ich loslassen und gehen kann und helfen will." Entscheidend sei aber die bewusste Auseinandersetzung mit dem Thema und die freie Willensentscheidung. Niemand dürfe in akuten Krisensituationen von Medizinern unter Druck gesetzt werden.

Sterbehilfe

Was in 2012 mit der Absicht des Verbots der gewerbsmäßigen Beihilfe zur Selbsttötung begann, hat sich zu einer gesellschaftlichen Grundsatzdebatte um Menschenwürde, Autonomie und ärztliches Selbstverständnis entwickelt. Die öffentliche Diskussion weist dabei längst über die Frage nach einer gesetzlichen Regelung des ärztlich assistierten Suizids und der gewerbsmäßigen Sterbehilfe hinaus. Die Positionen gesellschaftlicher Gruppierungen und politischer Parteien reichen von einem Verbot der Mitwirkung des Arztes bei der Selbsttötung über den Vorschlag, Medizinern unter Einhaltung strenger Sorgfaltspflichten die Hilfe bei der Selbsttötung und Begleitung in den Tod zu erlauben, bis hin zur Forderung der Freigabe der aktiven Sterbehilfe und damit der Tötung auf Verlangen.

Erfahrungen aus der Hospiz- und Palliativarbeit zeigen, dass der Wunsch nach Lebensbeendigung oft in der Angst vor Schmerzen, Alleinsein oder der Befürchtung, Anderen zur Last zu fallen, begründet ist. Solidarität, Mitmenschlichkeit und Zuwendung sowie der Auf- und Ausbau der Hospiz- und Palliativversorgung sind eine Alternative zur aktiven Sterbehilfe und zum ärztlich assistierten Suizid.

Welche Hilfe beim Sterben wollen wir?

epd-Dokumentation Nr. 33 vom 11.08.2015

Das Sterben ist politisch geworden. Im Bundestag werden im Herbst dieses Jahres gleich vier Gesetzesentwürfe verhandelt. Die Evangelischen Akademien in Deutschland (EAD) widmen sich in zahlreichen Debatten und Tagungen dem Thema „Sterben und Lebensende“. Die Evangelische Akademie Villigst hat das Thema in diesem Jahr in zwei Veranstaltungen behandelt. Die Ergebnisse liegen jetzt in einer Broschüre gesammelt vor. Sie sind als epd-Dokumentation Heft 33/2015 (11. August 2015) erschienen. In der rund 40-seitigen Broschüre mit dem Titel: „Welche Hilfe beim Sterben wollen wir? Menschenwürde am Lebensende“ geht es neben einer Einführung in das Thema um den assistierten Suizid sowie Alternativen zum assistierten Suizid. Es gibt einen Erfahrungsbericht zur Arbeit in der Hospizarbeit. Die Autoren der Veröffentlichung bewerten den Medizinisch-technischen Fortschritt kritisch, der Mensch müsse als „Ganzes“ in den Mittelpunkt der ethischen Debatten gestellt werden. Zur Vergewisserung in den letzten Fragen ist der gesellschaftliche Diskurs notwendig.

Bestellung unter: www.epd.de

Patientenverfügung

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Viele Menschen blicken mit Sorge auf das Ende ihres Lebens. Eine bestehende Krankheit, hohes Alter oder einfach die Beschäftigung mit dem Sterben lassen sie fragen: Werden am Ende meines Lebens Menschen bei mir sein, mir beistehen und Kraft geben? Werde ich zu Hause sterben können oder wird man mich ins Krankenhaus bringen? Werde ich unter starken Schmerzen leiden? Werde ich noch selbst bestimmen können, welche medizinischen Behandlungen an mir vorgenommen werden sollen und welche nicht?

So schwer es ist, sich mit der eigenen Sterblichkeit und den damit verbundenen Fragen auseinanderzusetzen, so sinnvoll ist es, ihnen nicht auszuweichen. Mit einer Vorsorgevollmacht und einer Patientenverfügung kann man seine eigenen Wünsche formulieren und so den betreuenden Personen und Ärzten eine wichtige Hilfestellung geben.

Wir möchten dazu anregen, sich mit dem Sterben und den eigenen Wünschen im Umgang mit einer lebensbedrohlichen Erkrankung zu befassen. Wir möchten dazu beitragen, den Dialog zwischen der Ärzteschaft, dem Pflegepersonal, der Krankenhausseelsorge, den Patientinnen und Patienten sowie ihren Angehörigen über die verschiedenen Möglichkeiten der Patientenvorsorge zu intensivieren.

Weitere Informationen:
Evangelische Medizin- und Bioethik

Palliativmedizin

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Hospizidee und Hospizbewegung bzw. in deren Folge Palliative Care und Palliativmedizin stehen für eine Gegenbewegung zu einem allein auf körperliche Heilung ausgelegten System: Damit ein Mensch auf dem Weg des Sterbens nicht alleingelassen wird und körperlich-geistig-seelisch-sozial „friert“, soll ein Mantel (=lat. pallium) um ihn gebreitet werden. Er soll in seiner letzten Lebensphase so selbstbestimmt und gut wie möglich leben und schließlich auch sterben können.

Etwa zwei Drittel der Bevölkerung wünschen sich zu Hause zu sterben. Palliativmedizin und Palliative Care wollen Menschen dabei ambulant begleiten. Wo ein sterben zu Hause nicht möglich ist, sollen schwerstkranken und sterbenden Menschen geschützte Räume, etwa in stationären Hospizen und in palliativ ausgerichteten Pfl egeheimen, geboten werden, in denen sie bis zum Lebensende verbleiben können. Für krankenhausbehandlungsbedürftige schwerstkranke Menschen stehen mittlerweile spezielle Palliativstationen zur Verfügung , auf denen die Patientinnen und Patienten palliativmedizinisch und -pflegerisch behandelt und "hospizlich" begleitet werden.

Weitere Informationen:
Evangelische Medizin- und Bioethik

Würdevolles Sterben

Die Medizin hat in den letzten Jahren beeindruckende Fortschritte gemacht. So ist es ihr zum Beispiel möglich, den Sterbeprozess hinauszuzögern. Durch die hochtechnisierte Intensivmedizin, aber auch aufgrund der Ernährung über eine PEG-Sonde, können Menschen länger und unproblematischer am Leben gehalten werden. Diese Entwicklungen werfen neue Fragen auf: Wird damit nicht ein natürlicher Sterbeprozess unnatürlich aufgehalten? Wann soll, wann muss eine Behandlung beendet werden? Inwieweit spielt dabei der Wille des Patienten eine Rolle?
Dieser Tagungsband dokumentiert eine Tagung der Evangelischen Akademie Iserlohn von 2004.

Bestellungen bei:
Andrea Winsel
Fon: 02304/755 373

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Organtransplantation

Foto: Titelbild der Broschüre

Fragen und Impulse für eine persönliche Entscheidung

Mit dem Text stellt die Evangelische Landeskirche in Baden Anregungen zur per-
sönlichen Auseinandersetzung mit dem Thema zur Verfügung.

Wer hilft mir beim Sterben?