Wohlstand und Wachstum

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Globaler Zwang zum Wachstum

Die weltweite Wirtschaftsordnung ist von einer seit Jahrzehnten anhaltenden Marktliberalisierung bei gleichzeitig unzureichender und wenig wirksamer Regulierung geprägt. Der politisch bewusst hervorgerufene Zwang zum globalen Wettbewerb hat das weltweite Handelsvolumen zwar um ein vielfaches steigen lassen und den materiellen Lebensstandard in vielen Ländern erhöht. Gleichzeitig führt er aber auch zu gravierenden sozialen Verwerfungen und einem nicht nachhaltigen Umgang mit den natürlichen Ressourcen sowohl in den Industrie- als auch in den Schwellen- und Entwicklungsländern. Durch den EU-Binnenmarkt und die Europäische Währungsunion wird der Zwang zum Wettbewerb weiter gesteigert. Die nationalen Regierungen versuchen mit den ihnen verbleibenden politischen Instrumenten permanent die Wettbewerbsfähigkeit ihres Landes zu steigern, oftmals zu Lasten ihrer Nachbarn. Oberstes Erfolgsmaß ist dabei nach wie vor die Wachstumsrate einer Volkswirtschaft, die aber lediglich den Gesamtwert aller in einem Jahr hergestellten Waren und Dienstleistungen misst und somit nur begrenzte Aussagen über die Lebensqualität, also den Wohlstand eines Landes zulässt. Die ökologischen und sozialen Folgen unseres Wirtschaftens bleiben unberücksichtigt. Langfristig kann unser Wohlstand aber nur gesichert werden, wenn Produktion, Mobilität und Konsum nicht die natürlichen Lebensgrundlagen aufbrauchen oder zerstören. Eine rein auf Wachstum ausgerichtete Wirtschaftspolitik ignoriert diesen Zusammenhang und gefährdet unseren Wohlstand. Wie aber kann ein Paradigmenwechsel weg vom rein quantitativen Wachstum hin zu nachhaltigem Wohlstand erreicht werden, was genau ist nachhaltiger Wohlstand, und wie kann der Wechsel organisiert werden? Ist es visionär oder einfach nur naiv, wie im Himalayastaat Bhutan "Glück" als Ziel staatlichen Handelns auszurufen?

Initiativen der EU und des Bundestags

Im April hat der Umweltausschuss der Europäischen Union gefordert, die Indikatoren zur Messung des Fortschritts zu ergänzen - um die Aspekte ökologischer Nachhaltigkeit, der Ressourceneffizienz und des sozialen Zustandes einer Gesellschaft. Die Evangelische Kirche von Westfalen hofft, dass diese Initiative ebenso wie die vom Bundestag eingesetzte Enquete-Kommission "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität – Wege zu nachhaltigem Wirtschaften und gesellschaftlichem Fortschritt in der Sozialen Marktwirtschaft" die Diskussion um eine nachhaltige Sicherung unseres Wohlstands stärker als bisher in den Fokus von Politik und Öffentlichkeit rückt.

Nachhaltiger Wohlstand

Als evangelische Kirche beteiligen wir uns intensiv an der Diskussion und wirken daran mit, einen bewussten und ressourcenschonenden Umgang mit Schöpfung und menschlichen Kräften zu stärken. Wie wird gerechte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben für alle gewährleistet? Wie können Ressourcen geschont werden, ohne die berechtigten ökonomischen Interessen der Schwellen- und Entwicklungsländer aus den Augen zu verlieren? Wie kann das weitere Auseinanderdriften der Gesellschaft in Arme und Reiche verhindert werden? Welchen Lebensstil wollen wir? Wie verändern wir unser eigenes Konsumverhalten? Wie kann die Ökonomisierung aller Lebensbereiche begrenzt werden? Wie fördern wir den Sonntagsschutz? Auch in unseren eigenen Einrichtungen und in Kirchengemeinden entdecken wir nach wie vor Defizite in nachhaltigem Wirtschaften. Hier entwickeln wir konkrete Maßnahmen. So setzt sich die ökumenische Initiative "Zukunft Einkaufen" konkret für ein nachhaltiges Beschaffungswesen von Kirche, Diakonie und Caritas ein.