Politisches Nachtgebet

Die ersten politischen Nachtgebete fanden in Köln Ende der 60er Jahre im Rahmen eines Katholikentags statt – ein wichtiger Anlass war der Vietnamkrieg. Ein ökumenischer Arbeitskreis, in dem u. a. Heinrich Böll und Dorothee Sölle mitarbeiteten, wollte einen politischen Gottesdienst feiern, der auf 23 Uhr angesetzt wurde. Dies war der Ursprung des Namens.

Für  Dorothee Sölle ging es um die politische Information, ihre Konfrontation mit biblischen Texten, Aufrufe zur Aktion und die Diskussion mit der Gemeinde. Dahinter stand ihre Überzeugung, dass theologisches Nachdenken ohne politische Konsequenzen immer einer Heuchelei gleichkomme und jeder politische Satz auch immer ein politischer sein müsse. Ihr Versuch, eine neue Sprache für den Glauben zu finden, wird durch ihr Glaubensbekenntnis anlässlich des ersten politischen Nachtgebetes am 1. Oktober 1968 in der Evangelischen Antoniterkirche in Köln deutlich:
„Ich glaube an Gott, der die Welt nicht fertig geschaffen hat wie ein Ding, das immer so bleiben muss, der nicht nach ewigen Gesetzen regiert, die unabänderlich gelten: von Armen und Reichen, Sachverständigen und Uninformierten, Herrschenden und Ausgelieferten. Ich glaube an Gott, der den Widerspruch des Lebendigen will.“

Die Suche nach einer angemessenen Sprache über Gott zu reden, bleibt als Herausforderung bestehen. Auch deshalb haben sich in verschiedenen Städten die Politischen Nachtgebete etabliert. 

 


Erinnerung an Opfer nationalsozialistischer Willkür

Der "Ökumenische Initiativkreis Politisches Nachtgebet Bochum-Gelsenkirchen" hatte am 19. Februar zum "Politischen Nachtgebet" eingeladen. Ausgehend von dem Satz in der Bibel "Seid wachsam!" stand dieses Treffen unter dem Thema "Widerständigkeiten beginnen schon im Alltag". Es geht um die Frage, wann der Punkt gekommen ist, an dem man anfangen muss, sich zu wehren.

Vorgestellt wurden neun Personen, die Opfer der Willkür der nationalsozialistischen Diktatur wurden, darunter eine Frau sowie sieben katholische Priester und ein Kommunist. Die acht Männer waren im Zuchthaus Bochum inhaftiert und wurden - bis auf eine Person - meist in anschließender Konzentrationshaft hingerichtet. Nicht ohne Grund fand dieses Nachtgebet in der Liebfrauenkirche in Bochum statt. Denn am 29. März 1945 erlitt hier Pfarrer Josef Reuland während einer Evakuierung des Gefängnisses vor der Kirche einen Genickschuss, den er überlebte.
Was heißt das für die heutige Zeit? Wann muss man aufstehen und sagen: Das will ich so nicht! Nicht mit mir!?

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