Ethik für alle Studiengänge

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Ethische Kompetenz in der akademischen Ausbildung

Die gesellschaftlich hohen Erwartungen an ethisch verantwortungsvolles Verhalten treffen in Deutschland bisher auf eine akademische Ausbildung, in der ethische Kompetenz nur selten vermittelt wird. Das mangelnde Angebot der Hochschulen führt zu einer Vernachlässigung ethischer Kompetenz, die nicht im Interesse der Gesellschaft sein kann.

Europäisierung und Gloablisierung

Ein prominentes Ziel der Reform des europäischen Hochschulwesens im Rahmen des sogenannten Bologna-Prozesses ist die Employability, also die Beschäftigungsfähigkeit der Absolventen in der gesamten Europäischen Union. Im Idealfall entsteht am Ende dieses Prozesses ein einheitlicher europäischer Arbeitsmarkt mit Unternehmen, Behörden und Freien Berufen, deren Belegschaft sich aus einer bunten Mischung von Mitarbeitern aus allen EU-Ländern und darüber hinaus zusammensetzt. Die Europäisierung bzw. Internationalisierung des Arbeitsmarktes hat bereits viele Branchen erreicht. Sie geht einher mit einer rasanten technologischen Entwicklung, gesellschaftlichen und politischen Umbrüchen auf nationaler Ebene sowie den sozialen und ökologischen Folgen eines globalen Wettbewerbs, der in seiner jetzigen Ausprägung nicht nachhaltig ist. Dies führt zu einer permanent steigenden Komplexität zukünftiger Entwicklungen. In der akademischen Ausbildung müssen daher jenseits von Fachwissen und fachspezifischer Methodik  Kompetenzen vermittelt werden, die die Absolventen besser als bisher in die Lage versetzen, die heute noch unbekannten Probleme von morgen zu lösen.

Relevanz ethischer Kompetenz

Dazu gehört auch ethische Kompetenz: Der respektvolle Umgang mit Kollegen unterschiedlicher Herkunft, die verantwortungsvolle Handhabe technischer Möglichkeiten und eine bewusste Haltung zu den gesellschaftlichen und ökologischen Konsequenzen des eigenen Tuns. Kulturell oder national tradierte Normen geraten durch die fortschreitende Globalisierung aber zunehmend unter Druck. In einem sich ständig wandelnden Umfeld muss der Einzelne daher gezielt befähigt werden, einen eigenen, belastbaren Wertemaßstab zu entwickeln, der insbesondere in Konfliktsituationen eine verantwortliche Entscheidung ermöglicht. Dies ist eine gesellschaftspolitische Aufgabe.

Etik für alle Studiengänge

Unabhängig vom gewählten Studienfach sollten Angebote zum Erwerb ethischer Kompetenz verpflichtend in das Curriculum an deutschen Hochschulen integriert werden. Dafür müssen im Studium Freiräume geschaffen werden. Konkretes Ziel dieses Angebots sollte es sein, Studierenden einen systematischen Zugang zu ethischen Fragestellungen zu verschaffen und die eigenständige Auseinandersetzung mit diesen Fragestellungen zu fördern. Keinesfalls darf es dabei um die Vermittlung eines speziellen Wertekanons oder einer Weltanschauung gehen. Vielmehr sind alle Fachbereiche an allen Hochschulen aufgefordert, ihre Lehrfreiheit zu nutzen, um die für ihr Fach und ihre fachliche Ausrichtung am besten geeigneten Inhalte und Formate zum Erwerb ethischer Kompetenz festzulegen. Ob wissenschaftlich orientiertes Seminar, kontrollierte Simulation von Konfliktsituationen, reflektierte Konfrontation mit anderen, fremden Lebenswelten oder andere Formate - die entstehende Vielfalt von Angeboten sollte von den Hochschulen aktiv kommuniziert werden, um den Stellenwert ethischer Kompetenz auch nach außen zu unterstreichen. Zusammen mit den Hochschulen und anderen Bildungsträgern sind die Länder aufgefordert, die Voraussetzungen für ein flächendeckendes Angebot an kompetenten Lehrkräften in diesem Bereich zu schaffen.

Die Evangelische Kirche von Westfalen möchte sich an der Diskussion um eine nachhaltige Integration von ethischer Kompetenz ins Curriculum deutscher Hochschulen beteiligen. Sie sieht darin einen wichtigen Schritt, um die Studierenden auf einen verantwortungsvollen und ethisch bewussten Umgang mit den Freiheiten des gemeinsamen Marktes und den Herausforderungen der Globalisierung vorzubereiten.

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