Begrabene Hoffnung

Die Hoffnung hat es schwer, liebe Leser*innen, in diesen Tagen. Zu dreist, zu zahlreich und auch schlichtweg zu erfolgreich sind die Akteure des Chaos und der Gewalt. „Wer Hoffnung schöpft“, so formuliert es die amerikanische Journalistin, Feministin und Umwelt- und Bürgerrechtsaktivistin Rebecca Solnit in ihrem lesenswerten Essayband, „legt sich mit ihren Gegensätzen und Gegnern an – mit der Verzweiflung, der Schwarzseherei, dem Zynismus und dem Pessimismus. Und … auch mit dem Optimismus. Denn eines haben alle diese Feinde der Hoffnung gemeinsam: … eine falsche Gewissheit, die Nichtstun rechtfertigt.“  [1]

Weiß Gott, sie sind mächtig, die Gegengründe der Hoffnung, und leicht(er) wäre (und ist) es, zu glauben, wir könnten doch eh nichts tun oder die allzu blauäugige ‚Hoffnung‘, es würde doch ohnehin zuletzt alles irgendwie gut gehen.

Block, Stift, Füller, Angemerkt

Gott sei Dank deshalb für jeden und jede, die dennoch und eben deshalb aufsteht und einsteht für Menschenwürde und Gerechtigkeit, für Demokratie und Frieden. Und Gott sei Dank für die vielen!

Die großen „No-Kings“-Demonstrationen in den USA am vergangenen Wochenende fielen zufällig mit dem Palmsonntag, dem Auftakt der Karwoche, zusammen, an dem sich Christ*innen des sogenannten Einzugs Jesu in Jerusalem erinnern.

Triumphal – so berichten es die Evangelien (Mk 11,1-11) – und zugleich bescheiden ging es damals zu. Im Jubel der Menge reitet Jesus in die Stadt ein, in der er wenig später den Tod findet. Deutlich knüpfen die biblischen Berichte an die alten Hoffnungen auf den Messias an. Ein endlich gerechter und menschenfreundlichen Herrscher.

Auf einem Esel statt hoch zu Ross reitet Jesus in die Stadt. Und selbst dieses Tier ist nicht sein eigenes, er hat es geliehen. Der Messias, so weiß es der Prophet Sacharja, auf den die Episode mit dem Esel anspielt, ist „ein Gerechter und einer, dem geholfen wird“ (Sacharja 9,9f). Ein hilfsbedürftiger Messias also, ein Messias, der auf andere angewiesen ist, der sich bedürftig und verletzlich macht – und so Hoffnung weckt und Veränderung ermöglicht.

Das ist das glatte Gegenteil von jener Greatness, die ihr Prestige und ihr Selbstbewusstsein daraus zieht, dass sie auf nichts und niemand angewiesen ist, alles selbst bestimmt und allein entscheidet, alles aus eigener Kraft und Stärke tun und verändern kann.

Die Geschichte Jesu – die sich im Gedächtnis der Kirche in den Tagen vor und an Ostern zuspitzt und verdichtet – ist eine Geschichte des Scheiterns und genau darin auch eine Geschichte der Hoffnung noch über das Ende der Hoffnung hinaus.

„Hoffnung“ so nochmals Solnit „gründet auf der Annahme, dass wir nicht wissen, was geschehen wird, und dass in der Weite der Ungewissheit Raum zum Handeln ist. […] Hoffnung ist eine Umarmung des Unbekannten, eine Alternative zur Gewissheit sowohl des Optimismus wie des Pessimismus. […] Hoffnung ist die Überzeugung, dass das, was wir tun, zählt, auch wenn wir nicht im Voraus wissen können, wie und wann es zählt, auf wen und auf was es sich vielleicht auswirkt“ [2]

Was sie schreibt, könnte auch ein Kommentar zu den Ostergeschichten der Bibel sein. Wie Jesus zur Stadt hinein reitet, so gehen eine Woche später drei Frauen zur Stadt hinaus, zu seinem Leichnam, ihrer begrabenen Hoffnung, „mit wohlriechenden Ölen, um ihn zu salben.“ (Mk 16,1). Sinnlos eigentlich … und gerade so ein neuer Anfang.

Viel Freude bei der Lektüre unseres Newsletters und ein gesegnetes Osterfest wünscht Ihnen

Jan-Dirk Döhling

 

[1] Rebecca Solnit, Verzweiflung ist Luxus, in: dies., Umwege. Essays für schwieriges Terrain. Aus dem Englischen von Michaela Grabinger, Hamburg 2025, 97–111, 97.

[2] Dies., Hoffnung in der Dunkelheit. Unendliche Geschichten, wilde Möglichkeiten, Berlin 2025,12

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Dr. Jan-Dirk Döhling, Leiter des Instituts für Kirche und Gesellschaft

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