Himmelfahrtskommando

Merkwürdig, wie modern manch alte Geschichte mit einem Mal wieder ist. Himmelfahrt, Sie wissen schon: Der Auferstandene lädt sich hoch in die Cloud, entschwindet gen Himmel und lebt und regiert dort selig und ewig. So weit, so mythologisch – und so modern. Denn glaubt man den Glücksversprechen der KI-Gurus aus Silicon-Valley, geht's ja auch derzeit mal wieder aufwärts. Und das nicht nur für einen, sondern für alle.

Also gut, nicht gerade für „alle“, aber für die Spezies Mensch, die Gattung eben. Der menschliche Geist, dank Computer-Hirn-Interface demnächst uploadable in die Cloud. Eine Super-KI, die – bald schon! – menschliches Denkvermögen uneinholbar übertrifft und dann natürlich auch all unsere ‚Defekte ‘ –  Behinderung, Krankheit und Sterblichkeit  – verschwinden lässt und irdische Grenzen sprengt, sodass dereinst ganze Sonnensysteme mit Abermilliarden digital optimierter Menschen bevölkert sind. So viele und so optimiert, dass heute schon ihr Glück und ihr Wohlergehen Ziel und Maßstab unseres Entscheidens werden muss.

Block, Stift, Füller, Angemerkt

So weit modern – und so mythologisch. Es ist mit Händen zu greifen, wie da im hypermodernen Gewand all die angeblich altmodischen Vorstellungen der Religion – vom ewigen leidfreien Leben, von einer höheren Macht, die alles gut werden lässt – wiederkehren. Nur eben ohne den alten Unsicherheits- und Unverfügbarkeitsfaktor Gott. Alles machbar – von uns. Wie beruhigend!

Denn Beruhigung braucht es, wenn hier und heute eine aberwitzig kleine und aberwitzig reiche Elite mit ihren Produkten ganze Gesellschaften und Demokratien untergräbt. Wenn jede und jeder Smartphone-Nutzer*in kostenlos zum Data-Mining und zum Training der neuesten Sprachmodelle eingespannt wird. Wenn für den Energiehunger der KI-Imperien Technologien von vorgestern – wie die Atomkraft – aus der Mottenkiste geholt werden. Und wenn zur Rechtfertigung dieser ‚neuen Menschheit‘ Ideologien der 1930er und 1940er Jahre wiederkehren.  

Wie gut, dass zuletzt allen der Himmel blüht – naja nicht gerade „allen“ – aber zumindest der Spezies Mensch. Sonst wäre das alles kaum zu ertragen und nicht zu rechtfertigen.  

„Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und starrt gen Himmel?!“, so fragt ein Engel die ehrfurchtserstarrten und himmelsbesoffenen Jesusjünger in der biblischen Geschichte. „Da kehrten sie vom Berg zurück, der Ölberg heißt; er liegt nahe bei Jerusalem, einen Sabbatweg weit.“ (Apostelgeschichte des Lukas 1,11-12)

Irdisch bleiben, irdisch werden und dort zusammen mit anderen Menschen Schritte tun und Wege einschlagen, die das Hier und das Heute menschlicher machen. Das wäre schon auch irgendwie intelligent, oder nicht?

Gute Gedanken beim Lesen unseres Newsletters und bei den Veranstaltungen des IKG wünscht Ihnen

Jan-Dirk Döhling

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Dr. Jan-Dirk Döhling, Leiter des Instituts für Kirche und Gesellschaft

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