In der Zeitmaschine

„Nichts gehört der Vergangenheit an, alles ist noch Gegenwart und kann wieder Zukunft werden.“ Dieser Satz stammt aus einem Vortrag des Jahres 1964, mit dem Titel ‚Nach den Wurzeln des Bösen fragen‘. Gesagt hat ihn Fritz Bauer, der jüdisch-deutsche Staatsanwalt und Hauptakteur der sog. Auschwitzprozesse, in einem Vortrag vor Student*innen.

Block, Stift, Füller, Angemerkt

Seine Überlegungen zu den Ursachen führen ihn über äußere Umstände und Faktoren der Nazi-Diktatur und des Holocausts – wie die Wirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit, der späten Weimarer Jahre, die in ganz Europa verbreiteten Rassenlehren oder die kriminelle Energie der Nazi-Eliten – hinaus. Bauer pocht auf die inneren Haltungen und Deformationen der Wähler*innen und Anhänger*innen der Nazi und der Mittäter*innen und Mitläufer*innen. Sie wurzeln für Bauer in der Lust am Gehorchen, in der Verachtung von Individualität, der Angst vor Kritik wie sie gerade den Deutschen eigen sei. Mehr noch, er sieht eine direkte Linie von Luther zu Hitler. Das ist zwar unpräzise, aber zugleich vollauf verständlich angesichts des breiten Versagens des deutschen Protestantismus im Kampf für die Demokratie.

Heute hat sich vieles deutlich geändert. Der Blick auf die Ursprünge des Faschismus ist differenzierter, die Haltung der Evangelischen Kirchen gegen Rechtspopulismus und -extremismus ist klarer und sichtbarer.

Gleichwohl erschreckt mich, wie aktuell und präzise sich Bauers über 60 Jahre alter Satz heute – im September 2026 anhört, wo sich eine Partei dabei ist, in mehreren Wahlen stärkste Kraft oder sogar Regierungspartei zu werden, die ihre rechtsextremen Überzeugungen immer offener zeigt.  Mich erschreckt die Vorstellung, es könnte politisch wieder Zukunft haben, was viel zu vielen, viel zu lange als für immer vergangen galt.  

Mich beeindruckt auch die Klarheit und Hartnäckigkeit, mit der Bauer auf die inneren Voraussetzungen von Demokratieverdruss und Menschenfeindlichkeit pocht.

Stimmt, es ist wichtig und richtig, auch nach äußeren, nach sozialen und ökonomischen, nach medialen Faktoren des Aufstiegs der neuen Rechten zu fragen. Doch es wird falsch und gefährlich, wenn die noch so klugen Analysen ein Gefühl der ohnmächtigen Zwangsläufigkeit verursachen. Frei nach dem Motto: ‚Muss ja alles so kommen. Hat sowie alles keinen Zweck.‘

Doch hat es! Denn innere Haltungen und Einstellungen sind veränderlich – zum Schlechten, aber eben auch zum Guten. Einzelne Menschen und menschliche Gemeinschaften können umdenken, können dazu lernen. Sie können Empathie vergessen und wiederentdecken, sich im Frust eingraben oder neue Lust am guten Leben aller entwickeln.  

So gesehen ist Bauers Satz vom Fortdauern der Vergangenheit und ihrer Wirksamkeit in der Zukunft mehr als nur düster-prophetische Warnung. Er ist ein Gegengift gegen das Gefühl der Vergeblichkeit und eine kräftige Ermutigung für alle kleinen Schritte politischer, demokratischer und spiritueller Bildung, wie sie in Kirche und Gesellschaft an tausend Orten geduldig und mutig gegangen wurden und weiterhin werden. Auch und gerade für sie gilt:

„Nichts gehört der Vergangenheit an. Alles ist noch Gegenwart und kann Zukunft werden.“

 

Einen zuversichtlichen Herbst wünscht Ihnen und auf die Begegnungen bei den Veranstaltungen unseres Instituts freut sich

Jan-Dirk Döhling

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Dr. Jan-Dirk Döhling, Leiter des Instituts für Kirche und Gesellschaft

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