Mit den Wörtern ist es so eine Sache. Was sie bedeuten, steht im Lexikon – und entscheidet sich im Gebrauch, in öffentlichen Diskursen, im rhetorischen Dauerbetrieb. Da meint das Wort Integration meist so etwas wie Einfügung oder Anpassung. Und vermisst wird sie bei ‚den Anderen‘.
„Sie schicken ihre Kinder nicht in unsere Schulen, sie überschwemmen unsere Dörfer und weigern sich, unsere Sprache und Bräuche anzunehmen“, so wusste es schon Benjamin Franklin, Gründungs- und Verfassungsvater der USA. In der Verfassung steht die hübsche Idee, alle Menschen seien gleich geschaffen, vom Schöpfer mit unveräußerlichen Rechten begabt, darunter Leben, Freiheit und das Recht, sein oder ihr Glück zu suchen. Das hielt Franklin nicht davon ab, ständig gegen deutsche, besonders süddeutsch-katholische Einwanderer etwa aus der Pfalz und aus Bayern zu stänkern. Sie seien religiös, kulturell und sprachlich einfach nicht zu integrieren und wollten es auch gar nicht. Obendrein seien sie auch viel „dunkelhäutiger“ als die „rein weißen“ Angelsachsen.

Im Lexikon meint das lateinische Wort ‚integrare‘ nicht bloße Eingliederung, sondern auch Vorgänge des Ergänzens, der Komplettierung, des Erneuerns, sogar Ganz- und Heilwerdens. So gesehen wäre Integration mehr als nur die Bringschuld derer, die ankommen. Es wäre etwas Wechselseitiges, etwas bei dem die, die jetzt kommen und die, die schon da sind, gemeinsam Neues schaffen. Das muss man wollen als Einzelne, als Gesellschaft und in der Politik.
Wenn die jüngst von Alexander Dobrindt angekündigten Kürzungen und Zugangsbegrenzungen für Integrationskurse realisiert werden, bleiben künftig rund 130.000 Menschen ohne den wichtigen Zugang zu Sprache, Kultur und Grundhaltungen unserer Gesellschaft. Unter ihnen gerade die vielen hochmotivierten Geflüchteten, die diese Kurse freiwillig belegen.
Das muss man sich leisten wollen, demographisch, sozial und gesellschaftspolitisch. Die Integrationskurse, heißt es, seien teuer und ‚völlig ungesteuert‘ besucht worden. An ihre Stelle sollen künftig verstärkt sogenannte Erstorientierungskurse treten. Die – so klingen die Erklärungen – seien billiger und passten auch besser für die, die eigentlich gar nicht da sein sollen und möglichst auch bald wieder weg.
So ändern sich die Zeiten. Lange konnte es nicht genug Integration geben; jetzt ist es offenbar zu viel. Erst wollen sie angeblich nicht, jetzt sollen sie nicht mehr. Was sollen Ankommende eigentlich daraus schließen? Wia ma‘s macht, is‘ falsch – wie es auf bayerisch heißt.
‚Sich orientieren‘ meint umgangssprachlich übrigens so viel wie ‚sich umsehen‘, ‚eine Richtung finden‘ dort, wo man nicht hingehört und nicht zu Hause ist. Wörtlich übersetzt heißt orientieren jedoch: ‚sich nach Osten ausrichten‘. Wie gesagt: Mit den Wörtern ist es so eine Sache.
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Jan-Dirk Döhling

Dr. Jan-Dirk Döhling, Leiter des Instituts für Kirche und Gesellschaft
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