American Tune

Als ich das Lied höre, kommt es mir sofort bekannt vor. Bloß weiß ich zuerst nicht woher. Doch dann fällt es mir ein. Paul Simon hat seiner Ballade „American Tune“ tatsächlich die Melodie von Paul Gerhardts Passionslied „O Haupt voll Blut und Wunden“ gegeben. Nach eigener Auskunft hat es der Liedermacher 1972 unter dem Eindruck des Vietnamkriegs und des beginnenden Watergate Skandals in der Nixon-Ära geschrieben.
Genial wie seine Worte zur alten Melodie passen und wie aktuell das Kirchenlied und auch sein Text durch die Kombination plötzlich wird.

„Du edles Angesichte, davor sonst schrickt und scheut, das große Weltgewichte: wie bist du so bespeit, wie bist du so erbleichet. Wer hat dein Angesicht, dem sonst kein Licht nicht gleichet, so schändlich zugericht.“ (Evangelisches Gesangbuch 85,2)

„I don’t know a soul who’s not been battered / I don’t have a friend who feels at ease
I don’t know a dream that’s not been shattered /Or driven to its knees”

Block, Stift, Füller, Angemerkt

Simons Worte mit der Melodie Paul Gerhardts beschreiben die Passion und Misshandlung der Freiheit und die Schmähung und Entstellung all dessen, was die große Verheißung der amerikanischen Nation ausmacht. Dass nämlich jedem Menschen die „von seinem Schöpfer verliehenen unveräußerlichen Rechte, darunter Leben, Freiheit und dem Streben nach Glückseligkeit“ zustehen – wie es in der Unabhängigkeitserklärung heißt. Simon beschreibt die Schändung dieses Versprechens und die Trauer und Erschöpfung aller, die sich dafür einsetzen.

„Die Unabhängigkeitserklärung von 1776 war damals größer als die, die sie formulierten. Frauen, Sklaven und Indigene wurden systematisch vom ‚Wir‘ der Erklärung ausgeschlossen. Die Welt musste durch blutige Kämpfe hindurch lernen, dass sie jeder Art von Sklaverei, Rassismus und nationalem Egoismus die Legitimation entzieht. Die Erklärung ist aber auch zur Energiequelle für Freiheitskämpfe und Menschenrechtsbewegungen weltweit geworden.“ – so hat Präses Adelheid Ruck-Schröder es am letzten Wochenende in einem Statement zum 250. Jahrestag der Declaration of Independence formuliert.

In Simons Lied wird in einem traurigen Traum zuletzt sogar ‚Lady Liberty‘, die Freiheitsstatue selbst zur Migrantin, besteigt ein Schiff, wie einst die ersten Einwander*innen die Mayflower, und sticht erneut in See.

Aber noch ist es nicht so weit. Nicht im Lied Paul Simons, wo es am Ende sehr schlicht und nüchtern heißt, dass morgen ‚trotzdem einfach ein neuer Arbeitstag sein wird‘. Nicht in den USA des Jahres 2026, wo – auch hierauf hat die Präses hingewiesen – eine Fülle von Menschen, aufstehen und Widerstand leisten, wo Würde und Rechte ihrer Mitmenschen geschändet werden. Darunter auch viele Christ*innen unserer Partnerkirche, der United Church of Christ. Nicht in Deutschland, wo im Herbst – und dann auch im Frühjahr - wichtige Landtagswahlen anstehen und nicht in der Kirche, die, wie die Geschwister der UCC, an die Seite derer gerufen ist, die schon jetzt den Geist der Unfreiheit am eigenen Leibe zu spüren bekommen. 

Und auch nicht an unserem Institut: Unter dem Motto „(Un)endliche Freiheit?!“ erschließt das IKG, ab Mitte diesen Jahres bis ins neue Jahr hinein in einer breit angelegten Veranstaltungsreieh quer durch alle Fachbereiche Freiheit als Fokus und Frei-Raum.

„Still, tomorrows just another working day.“ Bitte ‚arbeiten‘, reden, denken und streiten Sie mit.  

Einen gesegneten Sommer wünscht

Ihr Jan-Dirk Döhling

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Dr. Jan-Dirk Döhling, Leiter des Instituts für Kirche und Gesellschaft

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