Rückblick - Alte Probleme, neue Herausforderungen: Drogenkonsum im öffentlichen Raum

Rausch, Sucht, Medizin, Moral – das sind Begriffe, die häufig fallen, wenn über Drogen gesprochen wird. Vieles davon stimmt, greift aber zu kurz. Die Veranstaltung nahm den gesellschaftlichen Umgang mit psychotropen Substanzen in den Blick und machte deutlich, wie eng historische Entwicklungen, aktuelle Herausforderungen und die Lebensrealitäten Betroffener miteinander verbunden sind.

Drogen, Spritze

Wahrscheinlich konsumieren Menschen Drogen oder besser gesagt psychotrope Substanzen, seitdem es Menschen gibt. Unterschiedlichste Stoffe zu unterschiedlichen Zwecken, Bier, Opium, Kokablätter, und vieles mehr. Mal um religiöse Ekstase oder die großen Erkenntnisse zu finden, mal, um durch den (All)tag zu kommen.

Der jeweilige gesellschaftliche Umgang mit Drogen und den Konsumierenden war und ist dabei sehr unterschiedlich. Vor allem seit dem 19. Jahrhundert geht es zunehmend um die Gefahren der Sucht, allerdings auch längst nicht bei jeder Substanz in gleichem Maße, wie beispielsweise unser liberaler Umgang mit Alkohol zeigt – obwohl jedes Jahr in Deutschland zehntausende an den Folgen sterben. Was im 19. Jahrhundert auch beginnt und enorme Auswirkungen bis in unsere Gegenwart hat, ist die industrielle Herstellung synthetischer Stoffe. Denn so alt der Konsum ist, so historisch gesehen neu ist die Möglichkeit einer massenhaften Produktion und einer enormen Wirkungssteigerung.

Medikation, Rausch und Sucht – auch das kann eng zusammengehören. Zum einen haben viele Rauschmittel unserer Gegenwart ihre Wurzeln in medizinischer und pharmakologischer Forschung und Anwendung. Zum anderen wurden negative Auswirkungen des Konsums bestimmter Substanzen wie insbesondere die Entwicklung von Abhängigkeiten zunächst oft unterschätzt. Das gilt beispielsweise für Kokain oder Heroin, Ersteres bekanntlich Teil des Original Coca-Cola Rezeptes, Letzteres ein früher Verkaufsschlager der Firma Bayer.

Es ist also weder naturgegeben noch Ergebnis einer rationalen Politik wie wir heute mit Drogen umgehen, welche legalisiert und welche illegalisiert werden. Die Frage des gesellschaftlichen Umgangs hängt eben auch von Interessen und Machtfragen ab. In Deutschland beginnt die Drogengesetzgebung in der Weimarer Republik auf internationalen Druck hin – Deutschland hatte als Heroin-Produzent wenig Interesse an einer Verbotspolitik – und ist überhaupt erst seit Mitte der 1960er Jahre überhaupt ein breiteres Thema. In diesen Jahren begann Drogenkonsum, beispielsweise LSD-Konsum, als Protestform junger Menschen, und aus dem sich verschärfenden Generationenkonflikt und Kulturkampf erwuchs eine restriktive Drogenpolitik. Diese blieb, bis der zunehmende Heroin-Konsum und vor allem die steigenden HIV-Infektionen und AIDS-Erkrankten in den 1980er Jahren einen so großen Problemdruck schufen, dass Änderungen zunehmend unumgänglich erschienen. Bis dahin führte die strikte Antidrogenpolitik zu großem Elend bei den Betroffenen. Die nun beginnende akzeptierende Drogenpolitik fand insbesondere Ausdruck in der Einrichtung von ersten Drogenkonsumräumen in den 1990er Jahren.

Hat diese akzeptierende Drogenpolitik in den vergangenen drei Jahrzehnten – wissenschaftlich nachgewiesen – zu Verbesserungen der Lebenssituation beigetragen, so sind bis heute die Strukturen sehr unterschiedlich. Drogenkonsumräume beispielsweise sind in Deutschland sehr ungleichmäßig verteilt und fehlen in einigen Bundesländern wie Bayern ganz. Zum anderen stellen die sich verändernden Konsummuster die bestehenden Strukturen vor Herausforderungen. Insbesondere die Zunahme von Crack führt zu wachsenden und neuen Bedarfen, von der Drogenhilfe bis zur Suchtmedizin. Der Konsum von Crack, einer Mischung aus Kokain und Natron, die in Pfeifen geraucht wird, hat ein hohes Abhängigkeitspotential. Bereits nach sehr kurzer Zeit lässt die Wirkung nach und es entsteht zumeist ein hoher Suchtdruck. Das führt bei vielen Betroffene dazu, dass sie ihren Grundbedürfnissen wie Essen, Schlafen und körperlicher Hygiene nicht mehr genügend nachkommen, eine weitere mögliche Folge ist eine höhere Aggressivität. Und anders als Heroin ist Crack bislang nicht substituierbar.

Weitere Herausforderung sind die Zunahme des Mischkonsums sowie unbekannte Beimischungen, beispielsweise von synthetischen Opioiden wie Fentanyl oder Nitazenen in Heroin oder Tabletten. Diese sind um ein Vielfaches potenter, so dass ein sehr hohes Risiko für unbeabsichtigte Überdosierungen besteht. Ein Teil der in den vergangenen Jahren deutlich angestiegenen Todesfälle ist hierauf zurückzuführen. Eine bessere Überwachung, insbesondere Angebote zum Drug Checking, ist hier ebenso zentral wie eine breite Verfügbarkeit von Naloxon, was – sofort eingesetzt – in diesen Fällen lebensrettend sein kann.

Die Liste der Herausforderungen ist damit aber noch lange nicht am Ende. So ist beispielsweise seit einiger Zeit auch ein Rückgang von Ärztinnen und Ärzten, die Substitutionstherapien anbieten, festzustellen. Mit Blick auf Crack gibt es, wie beschrieben, noch so gut wie keine entsprechenden therapeutischen Ansätze. Strukturelle Versorgungsdefizite bestehen darüber hinaus auch für Substanzabhängige Menschen im Strafvollzug. Zudem ist ein großes Problem, dass für die Nutzung vieler Angebote, von der medizinischen und psychotherapeutischen Versorgung bis zu Übernachtungsstellen und anderen Einrichtungen, oftmals Abstinenz eine Voraussetzung ist.

Die Praxis wie auch Forschungsdaten zeigen: Wo passende Angebote vorhanden sind, erreichen sie die Menschen. Dies gilt insbesondere für niedrigschwellige Angebote und pragmatische Ansätze, wie das Beispiel Zürich zeigt. Hier sind die Konsumräume ansprechend gestaltet und auf die Bedürfnisse der Konsumierenden ausgerichtet, beispielsweise mit Ruheräumen und Räumlichkeiten für das Rauchen von Crack. Und hier wird in den Einrichtungen der Mikrohandel durch selbst suchtkranke Menschen akzeptiert. Grundlage hierfür ist ein pragmatisches Vorgehen in Abstimmung mit Polizei, Staatsanwaltschaft und Stadtgesellschaft und eine möglichst hohe Flexibilität, um sich den schnellen Entwicklungen in der Drogenszene rasch anpassen zu können. Deutlich wurde allerdings auch: Die Stadt stellt die entsprechenden finanziellen und personellen Ressourcen bereit, die es braucht, um die Konsumierenden zu erreichen, zugleich gibt es ein repressives Vorgehen im öffentlichen Raum.

Für Deutschland gibt es eine Reihe von Positionspapieren und Forderungen von Expertinnen und Experten, wie sich die Situation verbessern ließe. Dazu gehören in allen Großstädten verfügbare Drogenkonsumräume mit entsprechender Ausstattung, eine bessere Versorgung schwer psychisch erkrankter und konsumierender Menschen, eine Stärkung der aufsuchenden Arbeit, die auch Pflege und psychiatrische Hilfe einbezieht, und die Einbeziehung auch von Menschen ohne Krankenversicherung in die entsprechenden Angebote. Weitere Empfehlungen betreffen den Ausbau des drug checkings und die Ermöglichung des Mikrohandels auf dem Grundstück des Drogenkonsumraums durch suchtkranke Menschen.

Bei den mit einer Substanzabhängigkeit zusammenhängenden Fragen geht es um einen breiten Ansatz: Es geht auch um Prävention und Aufklärung, und sehr grundsätzlich um die Frage: Was macht ein Leben lebenswert? Oder andersherum formuliert: Was steht hinter einem problematischen Drogenkonsum? Und wenn man beginnt, mit Betroffenen zu sprechen, geht es sehr oft um massive psychische und soziale Probleme. Frühe Belastungen, insbesondere Gewalterfahrungen in der Kindheit, sind der bedeutsamste Risikofaktor, diese führen oftmals zu neurobiologischen Veränderungen und begünstigen auf vielfältige Weise Suchterkrankungen. Es geht um Menschen, die sich oftmals in enorm schwierigen Lebenssituationen befinden, über keine eigene Wohnung und zum Teil weder über Einkommen noch eine Krankenversicherung verfügen. Suchtkranke Menschen sind, was der Begriff sagt, (chronisch) erkrankt. Und sie sind oft von einer Vielzahl von Problemlagen betroffen.

 

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Dr. Stefanie Westermann
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