Rote Linie – roter Teppich …

Man könne und solle, so heißt es, doch einfach inhaltliche rote Linien definieren, innerhalb derer dann auch eine Kooperation mit der extremen parlamentarischen Rechten möglich und sogar gerechtfertigt sei.

Block, Stift, Füller, Angemerkt

Es gebe ja – das Beispiel kommt oftmals – ohnehin keine demokratischen und keine rechtspopulistischen Schlaglöcher, sondern eben einfach nur Schlaglöcher.

Das mag sein. Und doch ist Politik mehr als das Verdichten von ein paar Schaufeln Schotter und einer doppelten Lage Teer; gerade dann, wenn es mehr Löcher als Schotter gibt und jeder neue Fahrradweg zur weltanschaulichen Bekenntnisfrage hochgehetzt werden kann. 

Politik stopft nicht nur Löcher, sie öffnet Wege und verschließt andere; das fängt an bei Fragen von Mobilität in der Stadt und auf dem Land, geht weiter bei Lebenswegen, die bei uns ganz besonders von familiärer Herkunft und den Einkünften der Eltern abhängen und reicht bis zu der Frage, in welche Zukunft ein politisch vor- und eingeschlagener Weg führen soll.

Politik hat es mit Prioritäten und mit Zukünften und darin zuerst mit Sprache zu tun. Sprachlich werden die Lücken definiert und gefüllt, zwischen dem was ist und was möglich werden soll – und auch dem, was besser unmöglich bleiben sollte. 

Es braucht nicht viel, um zu merken: Die extreme Rechte baut an einer fundamental anderen Zukunft; sie tut dies nicht zuletzt sprachlich: Etwa, wenn ein EU-Parlamentarier die ‚Tagesschau in einfacher Sprache‘ als ‚Nachrichten für Idioten‘ verunglimpft, ein Landtags-Fraktionsvorsitzender natürlich ‚versehentlich‘ seine Rede mit einer SA-Parole garniert oder ein kritischer Journalist ‚im Scherz‘ mit dem Verlust des Arbeitsplatzes bedroht wird. 

Immer sind es Einzelfälle, fast nie ist es justiziabel, und doch ist die Richtung klar. Virtuos tänzeln die Rechtspopulisten und -extremen auf den roten Linien, proben einen Ausfallschritt und haben‘s hinterher nicht so gemeint. Noch später aber dann doch. Denn dann ist längst normal, was eben ein Tabubruch war.

So geschehen mit dem zuerst vehement geleugneten Begriff „Remigration“, der mittlerweile lauthals in jeden Saal gebrüllt wird – und strukturell ähnlich auch mit dem Ton der Missachtung und Unbarmherzigkeit gegenüber Geflüchteten, der einst Markenzeichen der Extremen war und längst im Mainstream angekommen ist.

Zuerst empört man sich noch, stutzt später nur noch kurz und wundert sich zuletzt nicht einmal mehr.

 

Niemand geht abends als Demokrat ins Bett und wacht morgens als Extremist auf. Und nein, wir werden auch nicht eines unschönen Tages in einer Diktatur aufwachen, dabei war doch gestern noch alles halbwegs in Ordnung. Die Verschiebung des Sag- und Denkbaren geht einfach täglich ein bisschen weiter. Stets war es so schlimm nun auch wieder nicht und oft betrifft es ja nur einzelne, und fast nie mich persönlich.

Und immer weicht die rote Linie ein Stückchen weiter zurück, und bekanntlich geht’s auch hinterm Horizont irgendwie weiter. Fragt sich nur, ob man da überhaupt hinwollte.

Aus tausend roten Linien wird zuletzt ein roter Teppich.

 

„Wenn ich nicht für mich bin …“ – so fragt Rabbi Hillel der Ältere, ein jüdischer Lehrer und Zeitgenosse Jesus, – „… wer ist für mich? Und wenn ich nur für mich bin – was bin ich? Und wenn nicht jetzt, wann dann?“

 

 

Dr. Jan-Dirk Döhling_x-TDS_9403 Email_quad

Dr. Jan-Dirk Döhling, Leiter des Instituts für Kirche und Gesellschaft

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