Wenn das Leben schwer wird
Ethische Orientierung zu assistiertem Suizid und gesellschaftlicher Isolation
Der Februar 2020 war ein Wendepunkt für die Frage, wie Menschen zum eigenen Tod stehen und welchen Umgang sie wählen, wenn das Leben schwer wird. Gemeinsam mit dem Zentrum Seelsorge vom Institut für Aus-, Fort- und Weiterbildung hat die Evangelische Akademie bereits zum vierten Mal eine Tagung zu dem Themenkomplex Assistierter Suizid ausgerichtet, auf den sich im Februar 2020 das Urteil des Bundesverfassungsgerichts bezog. Beihilfe zum Sterben zu erhalten ist seitdem legitim und wird – da es derzeit keine rechtlichen Regelungen gibt – in der Mehrzahl der Fälle von Sterbehilfeorganisationen ermöglicht. Schätzungen zufolge haben sich die Zahlen auf eine niedrige vierstellige Zahl in den Jahren von 2020-2024 bewegt und steigen weiter an.

Aus der dritten Tagung hat sich ein weiterer Ansatzpunkt für Diskurs, Analyse und interprofessionellen Austausch ergeben, der die diesjährige Tagung geleitet hat. So stand die Frage im Mittelpunkt, ob und inwieweit eigentlich außerhalb von institutionellen Settings wie Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen bestimmte Problemkonstellationen den Wunsch nach Suizidassistenz hervorrufen oder befördern. Mit der Tagung wurde daher eine Suchbewegung unternommen. Mangels bislang vorhandener statistischer und qualitativer Auswertung der bisherigen Todesfälle aufgrund von assistiertem Suizid war der Ansatz, im professionsübergreifenden Austausch und informiert durch fachliche Expertise der wenigen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, die diese Verbindung im Blick haben, erste Antworten zu finden.
Im Fokus stand dabei das Verhältnis von Einsamkeit bzw. gesellschaftliche Isolation und dem Wunsch nach Suizidbeihilfe. Den ersten Hauptvortrag hielt der Vorsitzende des Nationalen Suizidpräventions-Programms (NaSPro), Prof. Dr. Reinhard Lindner. Diesem folgte eine soziologische Perspektive, die sich auf die Befunde von Dr. Susanne Loke bezog, die selbst nicht persönlich anwesend sein konnte.
Die interessanten Ergebnisse bestanden darin, dass es einerseits keinen einfachen direkten Zusammenhang zwischen Einsamkeit und assistiertem Suizid gibt, im Sinne einer monokausalen Erklärung bzw. eines hinreichenden Grundes. Andererseits ergaben sowohl die psychiatrischen als auch die soziologischen Befunde sehr wohl einen Konnex zwischen diesen beiden Komplexen, der aber mit weiteren sozialen und psychischen Problemlagen der jeweiligen Menschen verwoben ist. So ist insbesondere eine Isolation aufgrund sozialer, materieller und gesellschaftlicher Faktoren ein Risikofaktor für den einsamen Tod, wie auch andererseits Einsamkeit bei bestimmten psychischen Belastungen Suizidalität deutlich verstärken kann.
Die Seelsorge-Professorin Dr. Annette Daniela Haußmann untermauerte diese Befunde aus ihrer Perspektive und zeigte zugleich Ansatzpunkte zur Prävention und Intervention durch Seelsorge-Beziehungen auf. Dabei erweiterte sie den Horizont durch differenzierte Analysen zum Verhältnis von Einsamkeit und Spiritualität, das ein ambivalentes Verhältnis ist und insofern seinerseits nicht einlinig Suizidalität, spirituelle Anfechtungen und Einsamkeit miteinander verkoppelt sieht, sondern aufdeckt, dass Spiritualität sowohl schützend als auch – wenn sie brüchig wird – krisenhaft sein kann.
Die wissenschaftlichen Vorträge wurden komplementär mit Praxisperspektiven verbunden. Es wurden dabei einerseits Zusammenhänge ausgelotet und andererseits Ansatzpunkte für präventives Handeln von Gemeindeseelsorgern, Mitarbeitern diakonischer Dienste, Telefonseelsorge, aber auch allen privat handelnden Personen, z.B. als Gemeindeglieder, vorgestellt. So beschrieb der Gemeindeseelsorger Pfr. Hagen Schillig seine vielfältigen Erfahrungen mit einsamkeitspräventiven Angeboten in der Kirchengemeinde, sowohl im städtischen Kontext als auch im ländlichen Raum. Die langjährige Leiterin eines diakonischen ambulanten Dienstes, Sabina Krappmann-Klute, zeigte auf, welche Bedarfe die alleinlebenden, oft multimorbiden Patienten haben und wie Diakonie damit umgehen kann und sollte. Pfr. Dieter Hoof-Greve, Ltg. von der Telefonseelsorge Siegen, und Vera Meier, Telefonseelsorge Münster, brachten aus internen Erhebungen interessante Zahlen aus den sehr unmittelbaren Telefonkontakten und digitalen Gesprächen mit. Sie bestätigten die bisherigen Ergebnisse der Tagung, die einen indirekten, aber eben damit auch vorhandenen Zusammenhang zwischen gesellschaftlicher Isolation und Suizidalität oder dem Wunsch nach assistiertem Suizid aufzeigen.
Einen weiteren interessanten Baustein aus der Praxis brachte Helena Armbrecht von der Diakonie Bayern mit. Sie stellt unter anderem die KI-Assistentin ELSA vor, ein gerade in der Erprobung befindliches Tool, mit dem Pflegepersonen befähigt werden sollen, adäquat auf geäußerte Todeswünsche von Patienten und Patientinnen einzugehen.
Die Tagung, die digital mit rund 50 Teilnehmern aus den unterschiedlichen Berufsgruppen durchgeführt wurde, war durch lebhafte Diskussionen, viele unterschiedliche Perspektiven und sehr guten Austausch gekennzeichnet. Es ist zu wünschen, dass weitere Schlaglichter auf dieses bisherige Dunkelfeld geworfen werden, das vielleicht auch wegen seiner existentiellen Dimension und der Anfechtung, die im Grunde jeden einzelnen betrifft, besonders herausfordernd ist und noch deutlich zu wenig politische, wissenschaftliche und gesellschaftliche Aufmerksamkeit erfährt.
Kontakt
Dr. Friederike Barth
02304 / 755 321
friederike.barth@kircheundgesellschaft.de
Iserlohner Straße 25
58239 Schwerte







