Es spukt wieder
in der Klimapolitik

von Sven Rudolph

Hui Buh, da spukt es wieder, das Gespenst des Ablasshandels. Diesmal in der Klimapolitik. Vorwürfe, der Emissionshandel und noch mehr Kompensationslösungen à la atmosfair.de oder der Clean Development Mechanism seien nur moderner Ablasshandel, gibt es bereits seit Ende des letzten Jahrtausends. Und mit Artikel 6 des Paris Abkommens, dem Freiwilligen Globalen Kohlenstoffmarkt sowie der jüngsten EU-Entscheidung zur Anerkennung von Kompensationen bei der Erreichung des europäischen Klimaschutzziels von 2024 – und auch in vielen landeskirchlichen Klimaschutzgesetzen – wird das Spuken und Kettenrasseln wieder lauter.

Aquarell „Hallig“ von Emil Nolde_©Nolde Stiftung Seebüll_Original

Aber eben das ist es auch nur, ein Spukgespenst: in seiner gesellschaftlichen Wirkung nicht zu unterschätzen, aber faktisch nur begrenzt belegbar. Dies gilt vor allem für den klassischen Emissionshandel, wie ihn die EU, aber auch Kalifornien, Neuseeland, Tokio und andere eingeführt haben. Dort sorgt der dem Emissionshandelssystemen eigene Treibhausgasdeckel (Cap) für stetig sinkende Emissionen – in der EU um 62% bis 2030 gegenüber 2005 – und für Kosteneinsparungen von bis zu 50% im Vergleich zu traditionellen ordnungsrechtlichen Ansätzen wie Emissionsgrenzwerten. Zugegeben, der Weg bis hierher war steinig und so manche Kritik an kostenlosen Zuteilungen von Emissionsrechten und allzu schwachen Caps war berechtigt. Wie alle (klima-)politischen Instrumente sind aber auch Emissionshandelssysteme lernende Systeme. Und die Lernkurve über die vergangenen 20 Jahre war steil. Gerade der EU-Emissionshandel erfüllt heute eine Vielzahl anspruchsvoller Nachhaltigkeitskriterien.

Berechtigter ist die Skepsis bei den Kompensationslösungen. Untersuchungen zeigen, dass weniger als 16% aller Emissionsgutschriften (Credits) echte Emissionsreduktionen darstellen. Zudem steht zu befürchten, dass die im Paris-Abkommen für alle geltenden Emissionsminderungsverpflichtungen dafür sorgen werden, dass das Angebot an billigen Credits aus dem Globalen Süden überschaubar bleiben wird. Hoffnung wecken hingegen die auf UN-Ebene erarbeiteten ökologischen und sozialen Qualitätsanforderungen an neue Kompensationsprojekte. Ob damit aber das angesichts der bisherigen Bilanz reale Gespenst künftig aus dem Klimaschutzschloss vertrieben werden kann, bleibt zu beobachten.

Abschließend sei noch angemerkt: Der historische Vergleich mit dem Ablasshandel hinkt auch in anderer Hinsicht. Emissionen sind keine Sünden. Sie sind vielmehr Nebenprodukte – oder negative externe Effekte, wie Ökonomen gerne sagen, – von Produktionsprozessen, die in der Mehrzahl wohlstandssteigernde Güter und Dienstleistungen hervorbringen. Und im Gegensatz zu den historischen Ablassbriefen ist die Menge der insgesamt erlaubten Emissionen begrenzt. Hui Buh hätte unter diesen Bedingungen in einem deutlich kleineren Petersdom spuken müssen.

2026_Rudolph_Sven_Porträtbild_quad_neu

Dr. Sven Rudolph, Referent für Klimapolitik

Kontakt

Dr. Sven Rudolph
02304 / 755 349
sven.rudolph@kircheundgesellschaft.de
Iserlohner Straße 25
58239 Schwerte