Das in der Evangelischen Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung (et) entwickelte Serious Game „Mission Ganymed“ bietet einen spielerischen Zugang, Wissen über Struktur und Funktionsweisen von Verschwörungserzählungen zu vermitteln sowie ihr demokratiegefährdendes Potenzial erfahrbar zu machen.

Logik der Vereinfachung
Der Kern des antimodernen Verschwörungsdenkens ist die sinnstiftende Vereinfachung von Komplexität. Verschwörungsdenken geht vom Alltagsdenken aus und bleibt in ihm verhaftet. Es überträgt eine im Alltag meist praktikable Logik, bei der beobachtete Ereignisse als Handlungen mit einer zugrundeliegenden Intention interpretiert werden, auf gesellschaftliche Phänomene. Damit ignoriert es die Beschaffenheit der modernen Welt, die „aus derart vielen Elementen und Zusammenhängen zwischen ihnen besteht, dass sich einzelne Wirkungen nicht mehr auf eindeutig identifizierbare einzelne Ursachen zurückführen lassen.“[i] Verschwörungsdenken ist deshalb unzulässig vereinfachendes Denken.
„Kritik“ geht im Denken, das der „Logik der Handlung“[ii] bzw. der Intention folgt, notgedrungen immer mit Personifizierungen[iii] und – da die aufzuklärenden Ereignisse ein Übel oder eine Bedrohung darstellen – mit Dämonisierungen einher. Aus der Rückführung allen Übels auf ein mächtiges Handlungszentrum folgt auch die kategorische und damit ordnende Gegenüberstellung von bösem Die und gutem, in jedem Fall unschuldigen, Wir. Hier zeigt sich die Strukturgleichheit von Verschwörungserzählungen und (Rechts‑)Populismus.[iv]
Verschwörungserzählungen und (Rechts‑)Populismus
Beide, Populismus und Verschwörungsdenken, vereinfachen gesellschaftliche Verhältnisse und reduzieren das komplexe politische Feld (mit seinen unzähligen Akteursgruppen und globalen Interdependenzen) auf einen Antagonismus von böser bzw. korrupter „Elite“ und bedrohter bzw. betrogener Bevölkerung („das Volk", „die normalen Menschen“).[v]
Die populistische Mobilisierungsrhetorik des „die da oben“ als den mächtigen Verrätern der Interessen der „einfachen Leute“ („die da unten“) – in der Variante des Rechtspopulismus, ergänzt um die wahlweise benutzten oder bevorzugten „Fremden“ („die da draußen“) – säht ebenso wie Verschwörungserzählungen Misstrauen in die parlamentarische Demokratie und ihre Repräsentant*innen. Passend zu dieser permanenten Diskreditierung demokratischer Institutionen unterbreitet der mit einer Verschwörungsunterstellung agierende Populismus immer auch ein autoritäres Lösungsangebot: eine unmittelbar im Interesse des homogen gedachten (einfachen) Volkes handelnde Führungsfigur. Diese werde mit harter Hand dem undurchsichtigen Treiben („Deep State“) ein Ende bereiten („den Sumpf austrocknen“, „ausmisten“) und die Verantwortlichen einer gerechten Strafe zuführen („Merkel? Verhaften!“).[vi] Es handelt sich, wie unschwer zu erkennen ist, um eine Projektion, die dem personifizierenden bzw. intentionalen Verschwörungsdenken entspricht.[vii]
Weil die Weltgeschicke jedoch gegenwärtig (noch) von bösen „Eliten“ gesteuert werden, steht zudem jegliche Innovation, vor allem aber gesellschaftliche Veränderung, im Verdacht, gefährlich und schlecht zu sein. Der Versuch, Komplexität aufzulösen, ist insofern rückwärtsgewandt und trägt einen regressiven (Abwehr‑)Reflex in sich. Er wird gerade durch bedrohliche Ereignisse, wie die Corona-Pandemie oder die plötzlich spürbaren Folgen des Klimawandels, die die weltweiten Interdependenzen augenscheinlich werden lassen, aktiviert. Populismus und Verschwörungsdenken ermöglichen es, den Realitätsgehalt solcher Ereignisse oder ihre multiplen Ursachen zu leugnen und damit auch unangenehme Verhaltensanpassungen abzuwehren.[viii] Zugleich schüren sie Vorbehalte und Ressentiments gegen die (post‑)moderne Welt oder propagieren gar offen die Rückkehr zu einem früheren, als „Normalität“ deklarierten, besseren Zustand („wieder normal“, „great again“). Der unangenehmen Komplexität der chaotischen, entfremdeten und verdorbenen „Kultur“ der Gegenwart wird dabei (zumindest implizit) die Einfachheit und vor allem Natürlichkeit der vormodernen Ordnung familiärer, gesellschaftlicher und globaler Hierarchien gegenübergestellt.
Die in Verschwörungserzählungen angelegte und in rechter Programmatik artikulierte Retraditionalisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse (mit klaren Hierarchien, Separation, Binarität usw.) ist die inhaltliche Komponente des antimodernen Denkens. Im Verschwörungsdenken manifestiert sich auch der (mitunter durchaus unbewusste) Wunsch nach einer Rückabwicklung des demokratisch-emanzipatorischen Projekts.
Gefahr für demokratische Gesellschaften
Verschwörungserzählungen gefährden sowohl die institutionelle Verfasstheit als auch das Wertefundament liberaler Demokratien. Die für sie grundlegende Leugnung von Komplexität unterminiert dabei nicht zuletzt die Akzeptanz der Aushandlungsprozesse in parlamentarischen und auf dem Prinzip der Gewaltenteilung basierenden Demokratien und umgekehrt befördert es Sehnsüchte nach autoritären Herrschaftskonzepten bzw. nach den im Populismus propagierten einfachen Lösungen. Verschwörungserzählungen transportieren somit ein Politikverständnis, das die Pluralität moderner Gesellschaften negiert und der imaginierten Homogenität des „Wir“ nicht entsprechende Menschen bzw. Lebensentwürfe exkludiert. Das dualistische Verschwörungsdenken kennt weder Platz für Kompromisslösungen noch für Minderheiteninteressen, sondern letztlich nur Polarisierung und Radikalität.
Für zielführende Strategien, dem Phänomen entgegenzuwirken, gilt es neben der dargelegten strategischen Funktion im Rahmen rechter Agitation ebenso die Bedürfnisse und Motive hinter dem Glauben an bzw. der Reproduktion von Verschwörungsbehauptungen zu berücksichtigen.
Verschwörungserzählungen und Populismus sind attraktiv, weil sie einfache Erklärungen für komplexe Ereignisse bzw. Veränderungen darstellen. Sie bieten Schuldige und bequeme Lösungen für all die Zumutungen dieser Welt. Ihre wichtigste psychologische Funktion liegt in der Kompensation von Kontrollverlust („take back control“) und den damit einhergehenden Kränkungen.[ix] Die derzeit wirkmächtigsten Verschwörungserzählungen, wie die Narration einer „Klimalüge“, des "Great Reset“, des „Großen Austauschs“ oder einer Covid-19-„Plandemie“,verhandeln nicht zufällig globale Krisen oder große gesellschaftliche Umbrüche, die sich tatsächlich der Kontrolle des Einzelnen oder sogar einzelner Regierungen entziehen und deshalb nachvollziehbare Zukunfts- und Statusängste hervorrufen können.
Die Möglichkeiten, der zugrundeliegenden kognitiven und emotionalen Überforderung entgegenzuwirken, sind zuvorderst im Feld des Politischen angesiedelt. Eine Politik, die nicht der vereinfachenden und reaktionären Feindbildlogik des Rechtspopulismus folgt, sondern sozialer und ökonomischer „Entsicherung“ mit zukunftsresistenter Wirtschafts-, Infrastruktur- und Sozialpolitik entgegenwirkt, hat mutmaßlich auch den Effekt, dem Verschwörungsdenken wesentliche affektive Grundlagen zu entziehen. Darüber hinaus können nur vor Ort wirksame, also konkret spürbare politische Maßnahmen gegen vorhandene Probleme (gerade in den von rechten Akteur*innen besetzten Themenfeldern) das Funktionieren der demokratischen Institutionen erfahrbar machen. Demokratiefördernde Politik in diesem Sinne, ist weder durch formale noch durch non-formale Bildungsarbeit zu ersetzen.
Politische Bildung gegen Verschwörungserzählungen
Ein Potenzial politischer Bildung liegt in der – sowohl didaktisch als auch seitens der Adressat*innen – voraussetzungsvollen Vermittlung der Historizität und der Kontingenz alles Politischen in der globalisierten Moderne. Eine Wahrnehmung gesellschaftlicher Entwicklungen, die zudem der strukturellen Verwobenheit individuellen Handelns Rechnung trägt, erübrigt die mit Verschwörungserzählungen vollzogenen Rückgriffe auf intentionales und dualistisches Gut-Böse-Denken. Durch den Verzicht auf dämonisierende Personifizierungen bildet ein derart „soziologisches“ Weltverständnis auch die Voraussetzung für konstruktive Kritik der – trotz aller Komplexität – durchaus gestaltbaren gesellschaftlichen und globalen Verhältnisse.
Ziele für die politische Bildungsarbeit mit Jugendlichen sind zunächst die generelle Sensibilisierung für die Virulenz von Verschwörungserzählungen und die Befähigung zu ihrer Dekonstruktion. Grundlegendes Wissen über ihren Aufbau und ihre Bestandteile ermöglicht es, Verschwörungserzählungen als solche zu identifizieren (Falsifizierungskompetenz) und bilden die Voraussetzung, sie von gebotener Gesellschaftskritik unterscheiden zu können.
Für eine zielführende Auseinandersetzung mit den politischen Auswirkungen von Verschwörungserzählungen ist es notwendig, diese nicht aus erhabener Perspektive und als Kuriosum (aus den Tiefen des Internets) zu behandeln, sondern die unmittelbare Relevanz des Themas und der angrenzenden Phänomene (Desinformation, Fake News) zu veranschaulichen. Im von der Evangelischen Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung (et) entwickelten Serious Game „Mission Ganymed wird daher ein Zugang über die soziale Beziehungskomponente des Verschwörungsglaubens gewählt, bei dem die Vermittlung von Wissen über in der Auseinandersetzung mit einer Verschwörungserzählung erfolgt. Die spielerische Erfahrung einer Konfrontation mit dem fiktiven Prozess eskalierenden Verschwörungsdenkens ist nicht nur eine Methode, um über wesentliche Aspekte des Phänomens aufzuklären oder den Umgang mit Verschwörungsgläubigen zu erproben. Sie bietet auch die Grundlage, um weitere Implikationen von Verschwörungserzählungen – wie ihre Funktion als Vehikel für Antisemitismus oder das von „Empörungsunternehmern“ befeuerte Misstrauen in die repräsentative Demokratie – zum Gegenstand politischer Bildung zu machen.
[i] Ebenda, S. 22f.
[ii] Ebenda, S. 25.
[iii] Die Personifizierungen können auch in Form von unter der Kontrolle von Einzelpersonen stehenden Organisationen – etwa die WHO (beherrscht von Bill Gates) oder das WEF (als Werkzeug Klaus Schwabs) – oder im Sonderfall des Antisemitismus auf die Gruppe „der Juden“ erfolgen.
[iv] Populismus wird hier und im Weiteren als Politikstil verstanden. In Hinblick auf diese mobilisierende Funktion wird deshalb auch auf den oft verharmlosend gebrauchten Begriff Rechtspopulismus zurückgegriffen.
[v] Vgl. Butter, Michael (2017): Dunkle Komplotte. Zur Geschichte und Funktion von Verschwörungstheorien. In: POLITIKUM 3-2017, S. 4–15, S. 13f.
[vi] Eine Variante des Schemas ist der gleichzeitig formulierte Appell zur Selbstermächtigung („mannhaft werden“) – und sei es nur, sich über die „alternativen“, d.h. Medien bzw. Autoritäten zu informieren („selber denken“) oder auf der Straße „Widerstand“ zu proklamieren.
[vii] Vgl. Vobruba, Georg (2024): Das Verschwörungsweltbild. Denken gegen die Moderne. Weinheim und Basel, S. 67f.
[viii] Vgl. ebenda, S. 74f. und 125.
[ix] Verschwörungsgläubige sind keineswegs pauschal als Leidtragende oder gar „Opfer“ einer unüberschaubaren Welt anzusehen. Mit der für Verschwörungserzählungen konstitutiven Unterstellung einer vorsätzlichen Täuschung der Öffentlichkeit bedienen sie immer auch einen narzisstischen Impuls. Schließlich ermöglichen sie dem Verschwörungsgläubigen das Gefühl, im Unterschied zur breiten Masse der „Schlafschafe“, den konstruierten Charakter der nur scheinbaren Realität zu durchschauen („nichts ist, wie es scheint“) – und damit nichts Geringeres als einen privilegierten oder sogar exklusiven Zugang zu „Wirklichkeit“ und „Wahrheit“ zu haben.
Dieser Text erschien in leicht abweichender Fassung zunächst in Jantschek, Ole/Jordan, Anne im Auftrag der Evangelischen Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung (Hg.): Big Tech, Big Mess – Politische Medienbildung für eine demokratische Digitalisierung. Jahrbuch 2025

Michael Moser, Referent für politische Jugendbildung und Mitglied im Sprecher*innenrat der BAG Kirche + Rechtsextremismus
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