EKD-Friedens-
denkschrift in der Diskussion

Stimmen aus der Ukraine und Polen

Beim 11. Friedensethischen Studientag der Evangelischen Akademien Deutschland Ende Februar 2026 war die neue Friedensdenkschrift der EKD Anlass und Ankerpunkt der Auseinandersetzung mit den Vorstellungen von „rechtserhaltender Gewalt“ und „gerechten Frieden“. Im Gegensatz zu den Autoren der Denkschrift stehen die eingeladenen Gesprächspartner zum Teil sehr unmittelbar (zwei ukrainische Theologen und ein polnischer Publizist) unter dem Eindruck von aktuellem Kriegsgeschehen.

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Sergeij Bortnyk, Theologe der ukrainisch orthodoxen Kirche, machte deutlich, dass Kirche und Staat nicht dieselbe Sprache sprechen und sich die Theologie nicht zur Rechtfertigung politischer Handlungen und Verstärkung von Propaganda missbrauchen lassen sollte. Ins Zentrum seiner Überlegungen stellte er die menschliche Sündhaftigkeit, die es ermögliche, im Aggressor immer noch den anderen Menschen zu erkennen.

Schärfer formulierte es Erzpriester Georgij Kovalenko aus Kiew. Er glich die theologischen Reflexionen der Denkschrift mit der Realität des stattfindenden Angriffskrieges ab. Ein gerechter Friede setze auf Versöhnung. Versöhnung sei aber nur möglich, wenn Tatsachen anerkannt werden – dafür benötige man aber eine Annäherung in Wahrheit. Ein gerechter Friede sei nur möglich, wenn Opfer und Aggressor benannt werden und keine Opfer-Täter-Umkehr stattfindet. Ein Waffenstillstand sei ein Schritt auf dem Weg zum Frieden, eine notwendige, aber nicht hinreichende Voraussetzung.

Weiterhin notwendig sei Vergebung, aber die lässt sich nicht verordnen, denn die zu vergebenden Taten betreffen einzelne Menschen, Opfer und deren Traumata.  Frieden sei also nicht nur ein politischer Friedensschluss, sondern betrifft in großem Maße die Fähigkeit und Möglichkeit der Betroffenen zur Vergebung. Möglicherweise helfen in diesem Prozess theologisch-theoretische Prinzipien, sie müssten allerdings der realen Lebenssituation des einzelnen entsprechen können. Kann ein Waffenstillstand kurzfristig Gewalt unterbrechen, benötigt die (Wieder-)Herstellung des gerechten Friedens eine sehr viel längere Zeitspanne.

Als Gegenpol zu den beiden Ukrainern öffnete der polnische Publizist Adam Krzeminski eine historische und europäische Perspektive, in die er die Aggression genauso wie ältere Konzepte zur Konfliktvermeidung (die sogenannte neue Ostpolitik der Brandt-Regierung, die Ostdenkschrift der EKD von 1965) einordnete. Er arbeitete heraus, dass eine Betonung des Gebots der Gewaltlosigkeit sehr leicht zu einer Unterlassungssünde werden könne, wenn das bedeutete, das Aggressionsopfer schutz- und wehrlos zu lassen. Stattdessen sieht er eine Verpflichtung zur Hilfeleistung – ein Gebot, das die neue Denkschrift adressiert.

Der gesamte Studientag machte deutlich, wie sehr sich der Wunsch nach Gewaltlosigkeit an der Realität eines Angriffskrieges messen lassen muss. Rechtserhaltende Gewalt wird da zur schieren Notwendigkeit, um einem gerechten Frieden überhaupt Raum (und Zeit) zu geben. Militärische Hilfeleistung kann so auch aus christlicher Ethik geboten sein. Ohne die Einbindung der von Gewalt Betroffenen, kann eine friedensethische Einschätzung nicht erfolgen und auch der Prozess zum Frieden hin nicht beginnen. Für ethisches Handeln innerhalb des gesamten Prozesses ist Verantwortungsübernahme ebenso nötig wie die Akzeptanz des Rechts und die Benennung dessen, was ist.

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