
Trotz krankheitsbedingter Veränderungen wurde der zehnte digitale Studientag zur Friedensethik eine außerordentlich dichte und ergiebige Veranstaltung. Ein Gast, mit dem wegen der russischen Kriegshandlungen gegen die Ukraine und insbesondere gegen Kiew nicht gerechnet werden konnte, fand Zeit, über die Situation in Kiew und die Verfassung der Ukrainier unmittelbar Auskunft zu geben. Dr. Bogdan Balasynovych, Berater des Kiewer Bürgermeisters Vitaly Klitschko, berichtete aus einer Stadt, die trotz des täglichen Beschusses versucht, ihren Alltag weiterzuleben. Er betonte die Widerständigkeit der Ukrainer, die auch aus dem Selbstverständnis heraus erwächst, dass sie Teil Europas sind. War das Verhältnis zu Russland zwischen 2014 und 2022 bei einigen Bürgern noch ambivalent, haben sich die Ukrainer seit dem großen Angriff für eine Zukunft in Europa entschieden. Die weiteren Gäste des ersten Teils der Tagung verstärkten dieses Bild. Die zeitgenössische ukrainische Kultur, hier vor allem die Literatur, pflegt eine sehr intensive Auseinandersetzung zum einen mit den europäischen Werten von individueller Freiheit, Redefreiheit, Wahlrecht und Informationsfreit, zum anderen gibt es eine intensive Beschäftigung mit den künstlerischen Folgen des Angriffskriegs, wie beispielweise Tod und Zerstörung thematisiert werden können und müssen. Die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Dr. Anna Gaidash erläuterte die vielfältigen, historischen und gegenwärtigen Verflechtungen der Ukrainischen in die und zur Europäischen Kultur.
Der bekannte polnische Publizist Adam Krzemiński beschrieb dann die historische Verschiebung Europas und ordnete sie ein. Das Zentrum Europas liege (heute) im Osten. Die ehemaligen Sowjetstaaten Ostmitteleuropas würden spätestens durch diesen Krieg in die (west-)europäische Wahrnehmung eindringen und die Fragen der gemeinsamen Werte und ihrer Verteidigungsfähigkeit und -möglichkeit eindringlich stellen. Er hielt fest, dass die neue Realität die alte sei und bezog sich damit auf die Sowjetherrschaft. Russland habe seinen wirtschaftlichen Aufstieg nicht dazu benutzt, gesellschaftlich und strukturell das Land zu modernisieren. Stattdessen falle es in alte, imperialistische Reflexe von Unterwerfung, wirtschaftlichen Erpressungen und Wahlfälschungen zurück. Für die ostmitteleuropäischen Staaten sei aber klar, dass sie Teil Europas seien – sie verstünden Europa als ihr Zuhause, als Raum des Rechts und des Schutzes.
Auf einen weiteren Aspekt dieses Krieges und seiner weitreichenden Ziele wies die Journalistin Anastasia Rodi hin, die seit vielen Jahren u.a. für die taz schreibt, als Kriegsberichterstatterin tätig ist und zu Propaganda und Diktaturen forscht. Nicht nur sei die Ukraine das erste Opfer der neuen russischen Propaganda, die solche Aussagen streut, dass die Krim schon immer russisch gewesen sei, es sich bei der Ukraine quasi um ein kleineres, unbotmäßiges Geschwister des großen russischen Reiches handele, dessen nazistische Führung vertrieben werden müsse, damit alles wieder so werde wie früher (vor 1990). Die Ukrainer wüssten nur zu gut, was es heißt, nicht frei zu sein, keine Wahl zu haben, nicht selbst entscheiden zu können, was sie tun sollen. Sie wissen, dass autoritäre Staaten ihren Bürgern sagen, dass diese keinerlei Rechte hätten und lehnen diese Perspektive für sich komplett ab. Russland habe nicht nur Städte in der Ukraine, sondern auch Wahrnehmungen im eigenen Land zerstört. Autoritäre Systeme lebten vom Gehorsam. Wahrheit gegen Propaganda zu verteidigen, sei nicht nur ein journalistischer Auftrag, sondern auch ein bürgerlicher.
Der zweite, theologische ausgerichtete Teil der Veranstaltung verband ethische, kirchliche und spirituelle Perspektiven. Der ukrainisch-orthodoxe Theologe Dr. Sergii Bortnyk rückte das Verhältnis des ukrainischen Staats und der Kirche sowie das Konzept des gerechten Friedens in den Mittelpunkt. Anhand konkreter Bibelstellen entwickelte er die Aufgabe der Kirche, direkt Hilfe zu leisten und Bedürftige zu unterstützen – Verwundete genauso wie Gefangene und Zivilisten. Es reiche bei weitem nicht aus, sich ohne Anschauung der Wirklichkeit friedensethische Überlegungen als Handlungsmaxime zu geben.
Die Historikerin Prof. Dr. Ursula Pekala betonte den totalen Vernichtungscharakter des Kriegs Russlands gegen die Ukraine. Das Land habe ein Recht auf Selbstverteidigung. Militärische Unterstützung sei ethisch legitim und Polen stünde der Ukraine so gut es ginge in jeder Hinsicht bei. Sichtlich erleichtert stellte sie aus katholischer Perspektive fest, dass der neue Papst diese Einschätzung teile. Zugleich warnte Pekala vor der wachsenden Polarisierung in Polen, denn die russische Propaganda und Desinformation zeige dort Wirkung. Nachdem Polen anfänglich unmittelbar und klaglos Millionen Ukrainer aufgenommen habe, stünden nach 3 ½ Jahren Krieg doch etliche Bürger den Nachbarn im eigenen Land reservierter gegenüber. Der russische Angriffskrieg sei nicht nur eine Herausforderung für ein gutes nachbarschaftliches, solidarische Miteinander, sondern auch für den Glauben. Der evangelische Pfarrer Ralf Haska, der zur Zeit des Maidan Auslandspfarrer in Kiev war, sprach schließlich über den Wandel evangelischer Friedensethik und betonte, dass Freiheit und Frieden zusammengehören und manchmal auch mit Gewalt verteidigt werden müssen. Er griff die Erläuterungen seiner Vorredner auf, die konkrete Hilfe und Unterstützung kirchlicherseits einforderten und auch berücksichtigten, wie schwer eine eindeutige theologisch begründete Haltung sei, die sich nicht in Worten erschöpfe, sondern konkrete Hilfe biete. Glaube verlange nach konkreter Umsetzung, das erfordere Kompromissfähigkeit genauso wie Mut, Solidarität und Empathie.
Die Tagung schloss mit einem gemeinsamen Friedensgebet.
Kerstin Gralher
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