Prävention gegen Radikalisierung im Alter: Neue Ansätze für eine bislang wenig beachtete Zielgruppe
Radikalisierung politischer Einstellungen wird häufig mit jüngeren Menschen in Verbindung gebracht. Doch auch im höheren Lebensalter können extremistische Einstellungen entstehen oder sich verfestigen. Ein Forschungs- und Präventionsprojekt am Institut für Kirche und Gesellschaft widmet sich der Frage, wie ältere Menschen vor einer Radikalisierung geschützt und bestehende extremistische Entwicklungen frühzeitig erkannt werden können. Im Mittelpunkt steht dabei die Erkenntnis: Das Radikalisierungspotenzial sinkt mit zunehmendem Alter nicht automatisch. Gleichzeitig braucht es für diese Lebensphase eigene Präventionsansätze.

Das Projekt „RAGE Prävention“ verfolgt das Ziel, ein Konzept gegen Radikalisierung für ältere Menschen zu entwickeln. Dieses wird nicht nur theoretisch erarbeitet, sondern auch mit der Zielgruppe erprobt und multipliziert. Grundlage dafür sind Workshops mit Expert*innen aus der Radikalisierungsprävention, der Altersforschung und anderen Gebieten. Die Beteiligten verfügen über langjährige Erfahrung aus Wissenschaft und Praxis und brachten ihre Perspektiven aus verschiedenen Regionen Deutschlands ein.
Insgesamt wurden neun Stunden an Aufnahmen und Mitschriften ausgewertet und mehr als 400 Aussagen kategorisiert. Eine zentrale Erkenntnis betrifft dabei die Sprache, mit der über Radikalisierung gesprochen wird. Der Begriff selbst kann stigmatisierend wirken und dadurch den Zugang zu Betroffenen erschweren. Ein Beispiel aus den Workshops verdeutlicht das Problem: Wer in einem persönlichen Umfeld von einer „Radikalisierung“ spricht, kann damit schnell die Vorstellung verbinden, die betreffende Person plane unmittelbar eine Gewalttat. Eine solche Wahrnehmung kann dazu führen, dass Betroffene oder ihr Umfeld sich von Angeboten abwenden.
Für die Entwicklung wirksamer Maßnahmen bedeutet das: Ältere Menschen sollen nicht als Problemgruppe angesprochen oder unter Generalverdacht gestellt werden. Es geht darum, Vertrauen aufzubauen, die Selbstwirksamkeit zu stärken und vorhandene Ressourcen zu nutzen.
Als mögliche Herausforderungen identifizieren die Expert*innen verschiedene Faktoren, die im höheren Lebensalter eine Radikalisierung begünstigen können. Dazu zählen auch Einsamkeit, ein Vertrauensverlust in Institutionen und eine möglicherweise fehlende kritische Medienkompetenz. Auch einschneidende Veränderungen können eine Rolle spielen: Der Übergang in den Ruhestand etwa kann mit dem Verlust von Status, Einkommen, Tagesstruktur oder beruflicher Identität einhergehen. Ebenso können gesundheitliche Veränderungen die Lebenssituation prägen. Solche Umbrüche müssen nicht zwangsläufig zu einer Radikalisierung führen, können aber eine Phase erhöhter Verwundbarkeit darstellen.
Demgegenüber stehen Schutzfaktoren, an denen neue Angebote ansetzen können. Ein stabiles soziales Umfeld, gesellschaftliches Engagement und die Möglichkeit, das eigene Alter aktiv zu gestalten, können wichtige Ressourcen sein. Ältere Menschen selbst können dabei eine wichtige Rolle übernehmen, indem sie als Multiplikator*innen in Vereinen, Gemeinden oder anderen sozialen Zusammenhängen dazu beitragen, demokratische Werte zu stärken.
Die Ergebnisse sprechen für einen differenzierten Blick. Prävention im Alter sollte einerseits altersspezifische Lebenslagen berücksichtigen, andererseits auch allgemeine Mechanismen von Radikalisierung in den Blick nehmen. Gleichzeitig bleiben grundlegende Fragen relevant, die auch bei jüngeren Menschen eine Rolle spielen: Wie entstehen Vertrauen und Misstrauen? Welche Bedeutung haben soziale Netzwerke? Wie werden Informationen bewertet? Und wie können Menschen in ihrer Fähigkeit gestärkt werden, demokratische und menschenfeindliche Positionen kritisch zu unterscheiden?
Das Projekt will vorhandene Ressourcen stärken und gesellschaftliche Teilhabe fördern. Entscheidend ist dabei die Freiwilligkeit: Prävention kann nur erfolgreich sein, wenn sie als unterstützendes Angebot und nicht als Stigmatisierung einer bestimmten Altersgruppe wahrgenommen wird.
Die Botschaft der Forschung ist klar: Alter allein schützt nicht vor Radikalisierung. Gleichzeitig bietet das Alter eigene Ressourcen, die für Prävention genutzt werden können. Ein stabiles Umfeld, gesellschaftliches Engagement und die Stärkung von Selbstwirksamkeit können dazu beitragen, Menschen auch in späteren Lebensphasen widerstandsfähig gegenüber extremistischen Ideologien zu machen.
Im Herbst werden die ersten Erprobungsangebote durchgeführt. Bei Interesse an Mitwirkung melden Sie sich gerne an: rage@kircheundgesellschaft.de
Kontakt
Björn Rode
02304 / 755 378
bjoern.rode@kircheundgesellschaft.de
Iserlohner Straße 25
58239 Schwerte
Marcel Temme
02304 / 755 381
marcel.temme@kircheundgesellschaft.de
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