Rassismuskritische Kirche in der superdiversen Gesellschaft

„If it isn’t intersectional, it isn’t feminism“

So lautete der Titel der EKD-Tagung zum Thema Rassismuskritik am 4. und 5. Februar in Hofgeismar. Wenn Rassismuskritik nicht auch intersektional gedacht wird, dann ist es keine umfassende Rassismuskritik. Daher muss Rassismuskritik auch immer feministisch sein.

Rassismuskritische Kirche

Der Spruch „If it isn’t intersectional, it isn’t feminism“ klebte als Sticker an einem Laternenpfahl. Übersetzt bedeutet er: Wenn es nicht intersektional ist, ist es kein Feminismus. Ja, die Realitäten von Frauen* in diesem Land und in unserer Kirche sind so divers, dass wir in all unserem frauenpolitischen Engagement diese Vielfalt selbstverständlich mitdenken müssen. Nichts anderes möchte der intersektionale Feminismus.

            Genauso verhält es sich mit dem Thema Rassismuskritik. Wenn Rassismuskritik nicht auch intersektional gedacht wird, dann ist es keine umfassende Rassismuskritik. Aus meiner Sicht muss Rassismuskritik darum immer feministisch sein. Darum berichte ich heute von der ersten EKD-Tagung, die zu dem Thema am 4. und 5. Februar 2026 in Hofgeismar in Kooperation mit der Akademie Hofgeismar stattgefunden hat. Die Organisation lag bei der Kammernetzwerk-Projektgruppe Rassismus/-kritik der EKD. Die Tagungsüberschrift lautete: „Rassismuskritische Kirche in der superdiversen Gesellschaft“.

            Am Mittwochmittag füllte sich der Tagungsraum. Die EKD-Ratsvorsitzende und Bischöfin im Sprengel Hamburg und Lübeck der Nordkirche Kirsten Fehrs und die Bischöfin der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck Dr. Beate Hofmann waren vor Ort. Die Kammernetzwerk-Projektgruppe in ihrer diversen Zusammensetzung aus weißen Menschen und People of Color unterschiedlicher Professionen und kirchlichen Kontexten, Vertreter*innen der Frauen- und Genderperspektive, aus der Ökumene, Studierende und Multiplikator*innen sind für diese Veranstaltung zusammengekommen. In dieser Vielfalt haben wir uns zwei halbe Tage lang damit auseinandergesetzt, wo Kirche in ihrer rassismuskritischen Arbeit steht und wie es gelingen kann, eine rassismuskritischere Kirche zu werden. Begleitet wurde die Tagung von einem Awareness-Team und Konzept.

            Am Mittwochnachmittag gab es zur Einführung drei Impulse von Dr. Emmanuel Kileo, von mir und von Dr. Nathalie Eleyth. Es wurde deutlich, dass Kirche in Deutschland stets in globalen Verflechtungen steht und glokal Verantwortung trägt. Erst seit historisch kurzer Zeit beschäftigt sich Kirche in Deutschland auch mit ihrem eigenen Rassismus. Wie Rassismus internalisiert wirkt, wurde zum Beispiel daran deutlich, welche Perspektiven in gegenwärtigen öffentlichen kirchlichen Stellungnahmen, Theologien und Praktiken bedacht werden oder auch nicht. Aus diesem Nachmittag habe ich mitgenommen, dass sich Kirche ihrer Verflochtenheit mit strukturellen Machtmechanismen bewusst werden muss, um dann Haltungen und Diversitätsstrategien für ihre eigene Organisation zu entwickeln.

            Der Tag klang abends mit dem spirituellen Programm der Sacred Conversations to End Racism aus. Das Programm wurde von Rev. Dr. Velda Love in der UCC (United Church of Christ, USA) entwickelt und hat einen intersektionalen Ansatz. Nathaly Kurtz-Heidensohn, die den Abend zusammen mit dem Dekanatskantor Katamba Kazaku gestaltete, hat bei Velda Love eine Ausbildung gemacht. Der Abend verdeutlichte mir, dass sich diversitätssensible Arbeit nicht nur im Kopf abspielt, sondern stets mit Emotionen und der eigenen Spiritualität verbunden ist.

            Am Dienstagvormittag wurden nach einer Andacht von Sarah Vecera vier Workshops von Prof. Dr. Lorenz Narku Laing, Austen Peter Brandt und Sarah Vecera, Timo-Lia Galbenis Kiesel und Irene Diller angeboten. Sie befassten sich mit der Frage, wie eine rassismuskritische Kirche konkret werden kann. Eine Weiterführung gab es anschließend in der Podiumsdiskussion unter Moderation von Dr. Eske Wollrad unter Beteiligung von der EKD-Ratsvorsitzenden Kirsten Fehrs, Superintendent Steffen Riesenberg aus unserer Landeskirche, Austen Peter Brandt, Sarah Vecera und Prof. Dr. Lorenz Narku Laing. Aus der Diskussion habe ich mitgenommen, wie wichtig es ist, unterschiedliche Gruppen, ihre Prägungen und Möglichkeiten gut in den Blick zu nehmen und in Kontakt mit dem Thema zu bringen. Nur das kann einen wirklichen Kulturwandel bewirken. Dieser muss mit der Etablierung von konkreten Maßnahmen einhergehen, die den Weg einer diversitätssensiblen Kirche stärken.

            Aus einer feministischen und diversitätssensiblen Perspektive fällt auf, dass die unterschiedlichen Perspektiven von Gewalt, Missbrauch und Diskriminierung gemeinsam in der grundlegenden Frage nach dem Umgang mit Macht münden. Damit geht die Etablierung notwendiger Schutz- und Partizipationsstrukturen einher. Der Weg ist noch lang. Zugleich sind wir schon auf dem Weg. Der Spruch: „If it isn’t intersectional, it isn’t feminism“ an dem Laternenpfahl motiviert mich, besonders in diesen Zeiten noch stärker nach gegenseitiger Solidarität und Verbindung zu suchen. Denn gemeinsam sind wir stärker.

Alena Höfer

(Erschienen in "Unsere Kirche")

DOWNLOAD: WEGWEISER RASSISMUS UND KIRCHE

 

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Alena Höfer (sie/ihr), Referentin für Frauenpolitik und intersektionalen Feminismus

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