Awareness heißt Verantwortung übernehmen

Sicherere und diskriminierungssensible Räume schaffen – auch in der Kirche

Nicole Richter, Gleichstellungsbeauftragte der EKvW (NR), sprach mit Yael von der Initiative Awareness (IA) aus Leipzig über die Bedeutung von Awareness für die Evangelische Kirche und wie Haltung eingeübt und erkennbar werden kann.

Awareness

NR Bei der Landessynode der EKvW haben wir in den letzten zwei Jahren schon erfolgreich erprobt, was es bedeutet Awareness bei kirchlichen Großveranstaltungen zu verankern. Delegierte aus den Gemeinden sprechen seitdem öfter über „Awareness“. Als Initiative arbeitet ihr zu diesem Thema, gebt Schulungen, beratet Institutionen und vieles mehr. Was verbirgt sich genau hinter dem Begriff?

Yael/ Initiative Awareness (IA):
Awareness bedeutet übersetzt Aufmerksamkeit oder Bewusstsein. Gemeint ist damit der Blick auf strukturelle Gewalt und Diskriminierung in unserer Gesellschaft. Das Konzept hat sich in den letzten 20 Jahren im deutschsprachigen Raum entwickelt, auf Basis schwarzer und queerer Kämpfe z.B. in den USA, aber aus der feministischen Bewegung in Deutschland heraus. Strukturelle Gewalt und Diskriminierung wird dabei in den Blick genommen, gleichzeitig geht es aber auch ganz praktisch um Haltung und aktive Verantwortungsübernahme im Umgang mit Grenzverletzungen, Diskriminierung und Machtmissbrauch. Ziel ist es, Strukturen zu schaffen, in denen Menschen z.B. möglichst sicher arbeiten oder an Veranstaltungen teilnehmen können, wo sie sonst oft Diskriminierung oder Gewalt erfahren. Und das wohl Wichtigste: Es geht darum, die Perspektive der betroffenen Menschen in den Fokus zu setzen. In den Institutionen und auch internalisiert durch uns alle geraten die Menschen, die sich grenzüberschreitend verhalten haben, meist in den Fokus. Es geht dann um Strafe und Konsequenzen. Awareness setzt dem etwas entgegen, indem der Blick ganz aktiv auf die Betroffenen gerichtet wird: Sie sollen Unterstützung bekommen, wenn es zu sexualisierten Übergriffen, rassistischen oder queerfeindlichen Äußerungen oder anderen Formen von Gewalt kommt.

Diese Haltung bzw. Perspektive ist zentral. Das Konzept basiert auf dem Verständnis, dass Menschen gesellschaftlich unterschiedlich von Diskriminierung betroffen sind. Deshalb braucht es Räume, in denen Betroffene ernst genommen werden und klare Handlungsmöglichkeiten bestehen. Dazu gehören Ansprechpersonen, transparente Abläufe und eine respektvolle Haltung im Miteinander.

NR Warum ist das Thema auch für die Evangelische Kirche von Westfalen wichtig?

IA Die Kirche ist ein sozialer Raum mit vielen unterschiedlichen Menschen, Generationen und Rollen. Es gibt Vertrauensverhältnisse, aber auch Machtdynamiken und Hierarchien. Deshalb ist es wichtig, sich mit Machtasymmetrien, Grenzachtung und Diskriminierung auseinanderzusetzen. Awareness ergänzt bestehende Schutzkonzepte. Präventionsarbeit richtet sich oft vor allem gegen sexualisierte Gewalt. Insbesondere die Verschränkung von verschiedenen Diskriminierungs- und Machtebenen, also zum Beispiel patriarchale und rassistische Strukturen, will Awareness mitdenken. Kirchliche Räume haben den Anspruch, menschenwürdig und solidarisch zu handeln. Awareness ist ein Versuch, diesen Anspruch als Haltung in die Praxis zu bringen.

NR Sie geben u.a. auch Schulungen zu Awareness. Wie sieht ein solches Seminar praktisch aus? Worum geht es konkret?

IA In unseren Schulungen versuchen wir Awareness als Haltung zu vermitteln und gemeinsam zu erarbeiten. Es reicht nicht, nur Begriffe zu kennen oder eine Checkliste abzuarbeiten. Wichtige Themen, die wir daher in den Workshops anschauen, sind u.a. Grundlagen zu Diskriminierung und Machtverhältnissen. Wir sensibilisieren für Grenzverletzungen, und geben Anregungen, wie man in schwierigen Situationen handeln kann. Es geht auch um die Reflexion der eigenen Rolle und um verantwortungsvolles Handeln in herausfordernden Situationen.

NR Sie sind auch Fachperson für die Implementierung von Awareness in Organisationen. Wie kann Awareness strukturell verankert und so auch nachhaltig wirksam werden?

IA Nachhaltig wird Awareness dann, wenn sie Teil der Organisationskultur wird. Eine einzelne Fortbildung reicht meist nicht aus. Wichtig sind feste Ansprechpersonen, regelmäßige Schulungen, gelebte Feedback- und Kritikkultur und klare Kommunikationswege. Und vor allem: Eine klare emanzipatorische Haltung, an der gemeinsam und ganzheitlich gearbeitet wird.

Hinweis:
Vom 3.-4.09.2026 findet in Dortmund eine Awareness-Schulung u.a. mit Yael von der Initiative Awareness (www.initiative-awareness.de) für Hauptamtliche und Interessierte statt. Weitere Informationen bei Nicole Richter 02304-755-234 oder gleichstellung@ekvw.de.

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Nicole Richter, Gleichstellungsbeauftragte der EKvW; Leitung des Frauenreferats