Emissionshandel in Tokio als Vorbild

IKG-Klimaexperte schreibt für den Weltklimarat

Auf Einladung des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) analysiert unser Klimapolitikexperte und Japankenner Dr. Sven Rudolph gemeinsam mit australischen und japanischen Kolleginnen den Emissionshandel in Tokio. „Der Emissionshandel in Tokio ist ein Vorbild für den marktlichen Klimaschutz in Metropolen. Chinesische Großstädte wie Shanghai haben sich bereits inspirieren lassen. Und gegen die Trumpsche Blockadehaltung könnten auch progressive U.S.-amerikanische Metropolen hier Orientierung finden“, so Rudolph.

IPCC, Weltklimarat

Tokio als Großemittent

Mit über 14 Millionen Einwohner gehört die japanische Hauptstadt Tokio zu den größten Metropolen der Welt. Im Jahr 2000 versursachte Tokio Treibhausgas-Emissionen im Umfang von 62 Millionen Tonnen Kohlendioxid-Äquivalenten (CO₂e) – in etwa der Umfang großer skandinavischer Staaten –, von denen rund 44% energiebedingte CO2-Emissionen waren. Zwischen 1990 und 2000 waren die CO₂-Emissionen um 9 % gestiegen. Und ohne zusätzliche Maßnahmen deuteten damalige Prognosen auf einen weiteren Anstieg um etwa 15 % bis 2010 hin. Da frühere freiwillige Maßnahmen kaum Emissionsminderungen erzielt hatten, entschied sich die Tokioter Stadtregierung für die Einführung eines lokalen Emissionshandelssystems.

Der Tokioter Emissionshandel

Ausgehend von Minderungszielen von 25% bis 2020 gegenüber 2000, 30% bis 2030 und Treibhausgas-Neutralität bis 2050, die in der Tokyo Climate Change Strategy von 2007 und der Zero Emission Tokyo Strategy von 2019/2021 verankert worden waren, wurde ein Emissionshandelssystem für CO2-Emissionen implementiert, das Tokyo Cap-and-trade Program (Tokyo CaT). Es fokussiert auf Emissionen aus dem Stromverbrauch in großen Gebäuden und Industrieanlagen und deckelt so rund 20 % der gesamten Tokioter Treibhausgas-Emissionen. Mit dem Tokyo CaT entstand im Jahr 2010 das weltweit erste rechtsverbindliche städtische Emissionshandelssystem, das auf die Reduktion des Endverbrauchs von Energie abzielte. Die Emissionsreduktionsziele im Tokyo CaT wurden sukzessive in vier Phasen von 6 % (Fabriken) bzw. 8 % (Gebäude) im Jahr 2010 auf 48 % (Fabriken) bzw. 50 % (Gebäude) in Phase 4 verschärft. Gehandelt werden durften aber, anders als beispielsweise beim EU-Emissionshandel, nur Emissionsreduktionen, die über diese Ziele hinaus gingen, sogenannte Excess Reduction Credits (ERC). Tokio implementierte zudem ein maßgeschneidertes Kontroll- und Buchungssystem sowie empfindliche Strafen für die Nicht-Einhaltung von Vorschriften.

Erfahrung aus Tokio

Ökologisch ist das Tokyo CaT ein großer Erfolg. Bis zum Fiskaljahr 2023 sind die CO2-Emissionen im Rahmen des Tokyo CaT um 31 % unter das Niveau des Basisjahres gesunken. Damit wurde das Reduktionsziel von 27 % für diese Phase deutlich übertroffen. Der Großteil der Emissionsminderungen ist auf die Installation hocheffizienter Heizungs-, Klima- und Beleuchtungsanlagen zurückzuführen. Die Preise für Emissionsgutschriften sind im Laufe der Zeit stetig gesunken, ausgehend von etwa 10.000 JPY im Jahr 2011 auf durchschnittlich 600 JPY im Jahr 2024. Den politischen Erfolg verdankt das Tokyo CaT günstigen politische Rahmenbedingungen zu Beginn der 2000er Jahre. Mit starker öffentlicher Unterstützung warb der damalige Gouverneur für Tokio als klimafreundliche Stadt gerade auch in der Bewerbung für die Olympischen Spiele 2020. Die umfassende Beteiligung der Tokioter Öffentlichkeit in mehreren Stakeholder-Treffen begrenzte den politischen Einfluss der sonst in Japan einflussreichen Industrie. Und die lokalen Umweltverbände arbeiteten eng mit dem Umweltamt der Stadtverwaltung und progressiven Wissenschaftlern zusammen. So kann Tokio nicht nur als Vorbild für eine gelungene marktliche Klimapolitik in Großstädten gelten, sondern auch für eine integrative politische Entscheidungsfindung.

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Dr. Sven Rudolph, Referent Klimapolitik

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