Alle im Blick?

Wenn kirchliche Bildung diversitätssensibel ist

Wer fehlt eigentlich, wenn wir von „allen“ sprechen? Diese Frage klingt zunächst einfach. Doch sie führt mitten hinein in eine der wichtigsten Herausforderungen unserer Zeit.

Diversität

Unsere Gesellschaft ist vielfältig. Menschen unterscheiden sich in ihrer Herkunft, ihrem Alter, ihrem Geschlecht, ihrer Religion, ihren Fähigkeiten oder ihrer Lebens- und Liebesweise. Diese Vielfalt bereichert unser Zusammenleben. Gleichzeitig erleben viele Menschen, dass genau diese Unterschiede zu Benachteiligungen führen. Nicht alle haben die gleichen Chancen, gehört zu werden, mitzugestalten oder ihre Fähigkeiten einzubringen. Genau hier setzt diversitätssensible Bildung an. Sie fragt nicht, wie Menschen gleich gemacht werden können, sondern wie Bildungsräume entstehen, in denen alle gleichberechtigt teilhaben können. Für Christ*innen berührt diese Frage den Kern des biblischen Menschenbildes: Jeder Mensch ist von Gott* gewollt und besitzt unveräußerliche Würde.

Mit diesen Fragen haben sich die Fachkräfte der Evangelischen Erwachsenen- und Familienbildung in Rheinland, Westfalen und Lippe auf ihrer diesjährigen Konferenz beschäftigt.

Diversitätssensible Bildung ist ein pädagogischer Ansatz, der die Vielfalt menschlicher Lebensrealitäten anerkennt und wertschätzt. Ziel ist es, Benachteiligungen abzubauen und mehr gerechte Teilhabe zu ermöglichen. Ein wichtiger Schlüsselbegriff ist dabei die Intersektionalität. Die Rechtswissenschaftlerin Kimberlé Crenshaw hat in den 80-iger Jahren deutlich gemacht, dass Diskriminierung selten nur eine Ursache hat. Unterschiedliche Formen der Benachteiligung können sich überschneiden und gegenseitig verstärken. So erlebt eine Schwarze Frau möglicherweise gleichzeitig Rassismus und Sexismus. Ein homosexueller Mann mit Gehbehinderung kann sowohl Queerfeindlichkeit als auch Ableismus (Diskriminierung aufgrund einer Beeinträchtigung) erfahren. Eine intersektionale Perspektive hilft deshalb, Menschen nicht auf ein einzelnes Merkmal zu reduzieren, sondern ihre gesamte Lebenswirklichkeit wahrzunehmen. Denn gleiche Chancen entstehen nicht durch gleiche Behandlung, sondern durch passende Zugänge. Diversitätssensible Bildung beginnt mit der eigenen Haltung. Und mit Fragen: Welche Erfahrungen und Privilegien prägen mich und meinen Blick? Wen erreichen wir mit unseren Bildungsangeboten – und wer fehlt bisher eigentlich? Wie können kirchliche Lernräume so gestaltet werden, dass sich unterschiedliche Menschen willkommen fühlen und ihre Perspektiven einbringen können?

Wenn wir diese Fragen stellen, verändert das unser pädagogisches Handeln. Dann reflektieren wir eigene Vorannahmen, erkennen diskriminierende, machtvolle Strukturen und schaffen Lernräume, in denen Menschen respektvoll miteinander lernen können. Wissenschaftliche Studien zeigen, wie notwendig das ist. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes dokumentiert regelmäßig Benachteiligungen aufgrund von Herkunft, Geschlecht, Behinderung, Religion oder sexueller und geschlechtlicher Identität. Auch kirchliche Räume sind davon nicht ausgenommen. Diversitätssensible Bildung ist deshalb Ausdruck demokratischer Verantwortung und gelebter christlicher Nächstenliebe. Wo Menschen einander als Ebenbilder Gottes* begegnen, wird Vielfalt zur Stärke. Kirchliche Bildungsarbeit schafft dann Orte mit Haltung, an denen auch Gottes* Liebe erfahrbar wird.

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Nicole Richter, Gleichstellungsbeauftragte der EKvW, Fachbereichsleitung „Frauen Männer Vielfalt“

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