„Eine Insel ...Mit viel Tunnels und Geleisen und dem Eisenbahnverkehr“
Bahnfahren mal ganz anders ...in Japan

Wem nun das berühmte Lummerlandlied der Augsburger Puppenkiste während der Lektüre dieser Kolumne nicht mehr aus dem Kopf geht, sei getröstet, dem Autor geht es beim Schreiben ebenso. Aber was für eine schöne Begleitmusik zu einem Bericht aus dem Bahnreiseparadies Japan! In diesem Sinne gilt, vor allem für Bahnreiseenthusiasten (die es ja auch hier noch geben soll) „... jeder sollte einmal reisen in das schöne [Japan]land“. Und das tun wir dann auch. Ausgestattet mit dem Japan Rail Pass, der, dem europäischen Interrail Ticket gleich, die kostenlose Nutzung nahezu aller japanischen Züge inklusive der Schnellzüge Shinkansen erlaubt, machen wir uns auf die Reise, zunächst von Kyoto nach Tokyo.
Japan betreibt seit 1964 das erste und weltweit eines der sichersten und effizientesten Schnellzugsystems mit Durchschnittsgeschwindigkeiten beispielsweise zwischen Tokyo und Nagoya von über 200 km/h und einer Streckenlänge (2025) von insgesamt 2.897 Kilometern. Und schon am futuristischen Bahnhof Kyoto fällt uns wieder einmal auf: alles gut organisiert, kaum Schlangen vor den Schaltern trotz Hochsaison und die Bahnhofstoiletten nicht nur kostenfrei nutzbar, sondern von einer Sauberkeit geprägt, die man sich in Deutschland trotz des Bezahlsystems nur wünschen kann.
Auf dem Bahnsteig dann zwar viel Betrieb, aber bunte Markierungen auf dem Boden und die entsprechende Beschilderung über den Köpfen zeigt, Wagen 5, hier müssen wir einsteigen. Gemeinsam mit vielen Japaner*innen bilden wir entlang der Bodenmarkierung saubere Schlangen, damit das Aus- und Einsteigen möglichst zügig ablaufen kann. Kein Drängeln, kein Meckern. Vielmehr wird großzügig und geduldig Platz gemacht für die aussteigenden Fahrgäste, bevor der Einstieg überhaupt beginnt.
Und schon rollt der Shinkansen ein, pünktlich auf die Minute und mit zentimetergenauer Präzision beim Halt an den Anstellmarkierungen. Ansagen wie „heute umgekehrte Wagenreihenfolge“, „Zug verkehrt abweichend von Gleis 5“? Unbekannt! Verspätungen? Während unseres achtjährigen Aufenthalts in Japan zwischen 2014 und 2022 mit zahllosen Zugfahrten haben wir dies genau einmal erlebt, im Winter, bei heftigem Schneesturm, der die Weiterfahrt des Zuges behinderte. Daher Anschluss verpasst. Aber noch auf dem Bahnsteig warteten pro Wagon zwei Mitarbeiter*innen der Japan Rail, um die Fahrgäste auf alternative Anschlusszüge zu verteilen. Aus einem Land kommend und nun wieder lebend, in dem Verspätungen der DB erst ab sechs Minuten überhaupt als solche zählen, überraschen offizielle Entschuldigungen japanischer Zugführer*innen für Verspätungen schon unter einer Minute durchaus. Statistisch gibt es natürlich auch in Japan Verspätungen, bewusst erlebt haben wir diese jedoch nicht.
Nach nur drei Minuten Haltezeit geht die Fahrt los, mit bis zu 320 km/h, Reisezeit Kyoto-Tokyo bei einer Fahrstreckenlänge von etwa 450 km, 2 Stunden 15 Minuten. Abfahrten im Zehn-Minuten-Takt. Die Sitzplätze so geräumig, dass trotz vorhandener Kofferfächer das Gepäck auch locker vor die Knie passt, Anschlüsse für alle technischen Geräte. Mehrere Wagons verfügen sogar über kleine Einzelarbeitsräume, die Toiletten blitzblank auch hier. Letzteres nicht nur Konsequenz des Anstands japanischer Bahnreisenden, sondern auch fleißiger Reinigungsteams, die am Zielort jeder Fahrt mit höchster Effizienz die Wagons sorgfältig reinigen. Dazu eine Atmosphäre im Wagon, die von Rücksichtnahme auf andere Reisende geprägt ist: keine zurückgelassenen Getränkeflaschen oder Zeitungen, keine aus benachbarten Kopfhörern dringende Musik, keine überlauten Gespräche oder Telefonate.
Japan: Ein Bahnreiseparadies!
In der modernen Klima-Kommunikation lernen wir, dass es stärker darum gehen müsse, positive Visionen aufzuzeigen, statt beständig Katastrophenszenarien zu malen. Diese Kolumne war ein solcher Versuch, auch wenn der ein oder andere kritische Seitenhieb auf die Zustände bei Bahnreisen in Deutschland nicht unterbleiben konnte. Dies bitte ich ausdrücklich zu entschuldigen! Und zugegeben: Das japanische Schnellzugsystem beruht auf einer anderen Infrastruktur, ein vom Rest des Zugverkehrs separierten eigenen Netzes beispielweise, und einer anderen Finanzierungs- und Entscheidungsgrundlage. Gleichwohl bleibt diese Kolumne, eine Vision für ein funktionierendes, nachhaltiges Bahnfahren auch in Deutschland. Aufmerksamen Leser*innen wird aufgefallen sein, dass dafür nicht nur technische, strukturelle und gesellschaftliche Veränderung nötig wären. Auch die Anpassung des individuellen Bahnfahrverhaltens könnte durchaus einen spürbaren Beitrag zu komfortableren Bahnreisen und damit am Ende auch einer nachhaltigeren Mobilität leisten. Hier sind wir alle gefragt.
Doch in der modernen Erweiterung des Lummerlandlieds von Andreas Gabalier heißt es „Mit dem Mantel und der Krone Ist er jedermann bekannt König Alfons heißt der Herrscher Von dem schönen Lummerland.“ Er gilt als guter Herrscher, und so bleibt am Ende unserer kleinen Reise nur zu hoffen, dass auch in Deutschland die über den Eisenbahnverkehr Herrschenden weise und gut sind. Und schon ist das Lummerlandlied wieder im Ohr …

Dr. Sven Rudolph, Referent für Klimapolitik
Kontakt
Dr. Sven Rudolph
02304 / 755 349
sven.rudolph@kircheundgesellschaft.de
Iserlohner Straße 25
58239 Schwerte






