Warum Väter seltener Elternzeit nehmen als Mütter

Zwischen Wunsch, Wirklichkeit und strukturellen Hürden

Die Zahlen sind eindeutig: Noch immer nehmen deutlich mehr Mütter als Väter Elternzeit in Anspruch – und wenn Väter Elternzeit nutzen, dann meist nur für kurze Zeit.

Elternzeit

Ein aktueller Bericht der Neuen Westfälischen Zeitung verweist darauf, dass 2025 bundesweit rund dreimal so viele Frauen wie Männer Elterngeld bezogen haben. Auch in Ostwestfalen-Lippe dominiert weiterhin das klassische Modell: Die Mutter bleibt länger zu Hause, der Vater steigt nach wenigen Monaten wieder in den Beruf ein.
Dabei zeigen aktuelle Studien ein anderes Bild der Wünsche junger Familien. Laut einer Untersuchung der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahr 2025 möchten Frauen und Männer die bezahlte Elternzeit grundsätzlich gleichmäßiger aufteilen. Wunsch und Wirklichkeit klaffen jedoch auseinander. Warum ist das so?

Finanzielle Gründe bleiben entscheidend
Ein zentraler Faktor ist weiterhin die wirtschaftliche Situation vieler Familien. Das Elterngeld ersetzt in der Regel nur 65 Prozent des vorherigen Nettoeinkommens und ist zugleich gedeckelt. Für viele Familien bedeutet dies einen erheblichen Einkommensverlust – besonders dann, wenn der Vater Elternzeit nimmt.
Denn trotz aller Fortschritte verdienen Männer im Durchschnitt noch immer mehr als Frauen. Der Gender Pay Gap wirkt sich hier unmittelbar aus. Hinzu kommt, dass Männer in Partnerschaften häufig älter sind als ihre Partnerinnen und dadurch oft weiter in ihrer beruflichen Entwicklung stehen. Wenn das höhere Einkommen wegfällt, geraten Familien schnell unter finanziellen Druck. Das erklärt auch, warum Nordrhein-Westfalen mit durchschnittlich 3,8 Monaten Väter-Elternzeit bereits über dem Bundesdurchschnitt liegt – eine Gleichverteilung ist hier noch lange nicht in Sichtweite.

Das Elterngeld setzt widersprüchliche Signale
Das Elterngeld war politisch ursprünglich ein wichtiger Schritt hin zu mehr partnerschaftlicher Aufteilung von Sorgearbeit. Der DIW-Wochenbericht 34 von 2017 kommt zu dem Ergebnis, dass das Elterngeld soziale Normen tatsächlich verändert hat. Väter nehmen heute häufiger Elternzeit als noch vor zwanzig Jahren.
Gleichzeitig setzen die gesetzlichen Regelungen bis heute Grenzen. Das bekannte „12+2-Modell“ wirkt psychologisch wie eine Norm: Zwölf Monate für die Mutter, zwei Monate für den Vater. Eigentlich sollten die sogenannten Partnermonate Väter motivieren, Verantwortung zu übernehmen. In der Praxis werden sie jedoch häufig sowohl in Betrieben als auch in Partnerschaften als Obergrenze verstanden.
Hinzu kommt eine weitere Einschränkung: Seit 2024 dürfen Eltern Elterngeld nur noch einen Monat parallel beziehen. Gerade Familien, die sich Betreuung partnerschaftlich teilen möchten, verlieren damit Flexibilität in einer ohnehin sensiblen Lebensphase.

Berufliche Risiken und Unternehmenskultur
Neben finanziellen Aspekten spielt auch die Arbeitswelt eine entscheidende Rolle. Studien der Hans-Böckler-Stiftung zeigen: Entscheidend ist der „betriebliche Gestaltungswille“. Dort, wo Unternehmen familienfreundliche Strukturen aktiv fördern, nehmen Männer häufiger und länger Elternzeit.
Viele Väter erleben mangelnde Akzeptanz, wenn sie längere Elternzeiten für sich beanspruchen. Es geht dann nicht nur um Nachteile in der Karriere, sondern vielmehr um Fragen von langfristiger Weiterbeschäftigung, wie immer wieder Väter im Rahmen von Vater-Kind-Wochenenden der Vater-Kind-Agentur im Institut für Kirche und Gesellschaft berichten.
Die Folge: Viele Väter reduzieren ihre Elternzeit auf ein gesellschaftlich und vor allem vom Arbeitgeber akzeptiertes Minimum.

Traditionelle Rollenbilder wirken fort
Neben ökonomischen und beruflichen Faktoren prägen auch kulturelle Vorstellungen weiterhin das Verhalten von Familien. Der Väterreport 2023 des Bundesfamilienministeriums zeigt, wie tief traditionelle Rollenmuster noch verankert sind.
Hinzu kommen unterschiedlichste Glaubenssätze zur Rollenverteilung von Geschlecht. So trauen sich zum Beispiel 16 Prozent der jungen Väter nicht zu, die alleinige Betreuung ihres Säuglings in den ersten Monaten zu übernehmen. Dahinter steht nicht mangelndes Interesse, sondern eine Zuschreibung. Fürsorgearbeit ist in erster Linie immer noch weiblich konnotiert.

Sorgearbeit braucht neue Wertschätzung
Die Debatte um Elternzeit ist deshalb mehr als eine familienpolitische Detailfrage. Sie berührt grundlegende Vorstellungen von Arbeit, Geschlechterrollen und gesellschaftlicher Anerkennung.
Wenn Väter mehr Verantwortung in der Familie übernehmen sollen, braucht es mehr als Appelle. Notwendig sind:
• eine bessere finanzielle Absicherung während der Elternzeit,
• flexible und partnerschaftliche Elterngeldmodelle,
• familienfreundliche Unternehmenskulturen,
• und eine gesellschaftliche Neubewertung von Sorgearbeit.
Die Zahlen zeigen: Viele junge Familien wünschen sich längst ein anderes Modell. Die Herausforderung besteht nun darin, Rahmenbedingungen zu schaffen, die diesen Wunsch auch lebbar machen.